Neulich habe ich die ganze Sammlung unserer alten Familienfotos herausgeholt und sortiert. Was für Schätze dort zu finden sind! Es ist eine einmalige Erfahrung, Menschen, die man heute als Jugendliche oder Erwachsene kennt, auf dem Bild als kleine lächelnde Babies oder Kinder wiederzufinden. Und dazu dieser alte Modegeschmack... Es ist schwer zu glauben, wie sehr sich unsere Welt in nur zwanzig Jahren gewandelt hat. Doch nicht nur Kleidung, Technologie und Fotoqualität haben sich verändert. Besonders ergreift mich, wie sich die Menschen geändert haben.
Fotos zeigen ja bekanntlich nur die schönen Momente, und ich kann mich auch noch an unsere Prügeleien erinnern. Aber das war ja alles schnell vergessen, sobald man wieder einen Spielkameraden brauchte. Denn als Kind dreht sich scheinbar das ganze Leben um Spiele. Viele schöne Momente sind auf den Bildern zu finden. Da sitzen zwei strahlende kleine Mädchen nebeneinander und halten sich gegenseitig in den Armen; oder ein kleiner junge lächelt schüchtern und zeigt dabei seine große Zahnlücke.
Und zwischen allen anderen Familienmitgliedern finde ich ein ganz besonderes Gesicht: Es ist mein eigenes! Ja, das war tatsächlich ich. Nur damals in Miniatur und mit weniger Erfahrung. Es ist eine Sache, jemandem anderen tief in die Augen zu schauen, aber eine ganz andere, es bei sich selbst zu tun.
Doch was auch nach Außen hin sichtbar ist: Damals habe ich nicht lange rumgemacht, sondern noch direkt in die Torte gegriffen. Meine Mutter war wohl - zu meinem Unverständnis - etwas schockiert, aber konnte es dann doch nicht lassen, zur Kamera zu greifen. Ich frage mich, ob sie diese Bilder heute noch vor Augen hat, wenn sie mich als Erwachsenen sieht.
Es geht einem ganz schön in die Seele, in der eigenen Vergangenheit zu wühlen, selbst wenn es nur Bilder sind. Auch Wunden werden dabei aufgetan: Lebensabschnitte, die ich gerne streichen würde. Oder wie sich der Blick auf meinem Gesicht durch schwierige Jahre hindurch verfinsterte (Siehe Mt 6:22-23).
Man sagt, nach dem Tod spielt sich dein ganzes Leben noch einmal wie ein Film vor dir ab. Es sind Bilder, die alle schönen Momenten, deine selbstlosen Taten und guten Entscheidungen zeigen. Aber auch die Tiefen: Egoismus, Faulheit, Feigheit, Hass, und jede böse Tat deines Lebens, die du selbst längst vergessen hast. In der Bibel finden wir es angedeutet in Offenbarung 20:12.
Das ist Gottes Fotoalbum. Dort geht es nicht darum, uns im besten Licht darzustellen. Es sind Bilder ohne Schminke, aufgesetztem Lächeln und Retusche. Sie zeigen direkt unser Herz und unser Inneres (1.Sam 16:7), durch alle Höhen und Tiefen.
Diese alten Bilder in meinem Familienalbum zu sehen gibt mir ein Gefühl für das Vater-Herz im Himmel. Er kennt jeden einzelnen von uns Menschen von klein auf und begleitet den gesamten Lebensweg auf Schritt und Tritt. Er weiß genau, wo der eingeschlagene Pfad uns später einmal hinführt. Wie schmerzhaft muss das sein...
Jes 1:2: "Hört zu, Himmel und Erde! Hört, was der Herr sagt: Ich habe Kinder aufgezogen; und jetzt, wo sie groß geworden sind, sagen sie sich von mir los!" GNB
Und obwohl Er alles über uns weiß und nichts davon vergisst, geht Er Tag für Tag mit uns durch das Leben. Als ich gerade laufen gelernt hatte, nutzte ich jede Gelegenheit, um von meinen Eltern abzuhauen. Dabei bin ich auch schon mal auf die Straße gerannt (zum Glück eine Spielstraße), ohne mir bewusst zu sein, dass dies gefährlich ist. Gott lässt mir immer noch die Wahl. Entweder ich renne weg und mache mein eigenes Ding, und wenn ich dann stolpere, komme ich wieder heulend zurück. Oder ich nehme gleich Seine Hand und wir gehen gemeinsam über die Straße. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie oft Er das in der Menschheitsgeschichte schon durchgemacht hat. Und jedes Mal muss er sich anhören, wie wir dabei "Ich bin schon groß genug!" rufen.
Mt 18:1-4: "Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wer ist nun der Größte im Himmelreich? Und er rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich." LUT
Und wir Kinder Gottes sind nicht nur etwas stur, sondern wir kriegen uns auch andauernd in die Haare. Doch Gott sagt uns, dass Er uns gar nicht erst zuhören will, wenn wir uns nicht versöhnen und vergeben.
Mt 5:23-24: "Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe!" SLT
Je mehr ich Gottes Vater-Herz betrachte, desto mehr wird mir klar, dass wir für Ihn eine Bande kleiner Kinder sind. Wir sind ständig ungehorsam, denken, wir können es auch alleine, machen heimlich verbotene Dinge, streiten, prügeln uns, reden schlecht hintereinander, und wollen vor den anderen als groß und erwachsen gelten, wenn wir es eigentlich nicht sind. Nichts desto trotz will Jesus uns in seiner Familie haben (Mk 3:31-35) und lässt unsere Hand niemals los, wenn wir gemeinsam über die Straße gehen.
Joh 10:28-30: „…und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben.“
von
Rich