Im ersten
Teil haben wir uns mit dem Denken an sich befasst. Der zweite
Artikel zielte insbesondere auf den Einbezug Gottes in sämtliche
Lernprozesse. In diesem dritten Teil blicken wir aus vier Blickwinkeln nochmals auf unser Lernen. Aus jedem Teil
resultiert eine Anfrage an uns selbst.
Wir gehen von vier der wichtigsten philosophischen Grundfragen aus: Die Frage nach Gott und dem Sein (Metaphysik), nach der Art und Weise des Erkennens (Epistemologie), nach der Verfassung des Menschen (Anthropologie) und schließlich nach der Frage eines gelingenden Lebens (Ethik). Stellen wir uns diese Fragen in Bezug auf das Lernen.
1. Wozu lernen?
„Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts?“
So fragte Gottfried Leibniz (1646-1716). Diese Frage spielen wir natürlich
nicht täglich durch. Dafür stellen wir uns andere:
Weshalb muss ich
gerade diesen Stoff pauken? Was bringt es mir, wenn ich diesen oder jenen Kurs
besuche? Oder grundsätzlicher: Warum
ich gehe überhaupt zur Schule? Weshalb auswendig lernen und wieder vergessen?
Dahinter verbirgt sich eine menschliche Grundfrage: Weshalb bin ich hier? Wohin geht es mit mir?
Du magst einwenden, dass diese Fragen zwar zu einem dunklen Novembertag
passten, jedoch nicht in den „Einkaufskorb“ des Alltags. Sehen wir uns dies von der Antwortseite
her an. Eine mögliche Antwort könnte so klingen: „Ich lerne, um die Prüfung zu bestehen.“ Oder: „Ich lerne, um
nachher ordentlich Geld zu verdienen.“ Oder: „Ich arbeite, um mir dies und jenes leisten zu können.“ Lernen
fungiert in diesen Fällen als eine Art Beschaffungsmaßnahme
für ein anderes Mittel (Geld, Prüfungen,
etc.) Diese Antworten zeigen:
Wir neigen dazu, die Mittel
zum Ziel zu erklären.Will heißen: Geld verdienen ist in sich kein Ziel. Wir
wollen etwas damit erreichen.
Stelle dir die Frage einmal anders: Was sagt mir meine Unlust zu lernen oder der fehlende Sinn über meine
Grundorientierung aus? Eine biblische Weltsicht lässt uns über die
Oberfläche des Moments und unserer Wünsche bzw. Abneigungen hinaus blicken. Die
erste Frage nach dem Sinn zielt auf unsere Hinordnung. Ich benütze absichtlich
dieses Wort, weil es unsere Stellung so deutlich macht. Wir sind vom Schöpfer
in eine bestimmte Ordnung und in einen andauernden Bezug zu Ihm gestellt
worden.
→
Frage: Was sagt dir deine Unlust zu lernen über deine Grundorientierung aus?
2. Wie können wir erkennen?
Die zweite Frage beschäftigt sich mit dem komplizierten
Vorgang, wie wir überhaupt etwas wahrnehmen können. Seit der Aufklärung haben
viele Denker eine starke Trennung zwischen dem, was sich in unserem Kopf
abspielt und dem, was „da draußen“ passiert, behauptet. Das ging so weit, dass
einige sogar behaupteten, dass alles von uns „konstruiert“ werde. Ein Blick in
unser Leben zeigt jedoch, dass diese Trennung künstlich bleibt.
An einem einfachen Beispiel erklärt: Wir werden nicht satt,
indem wir uns unser Essen im Kopf vorstellen. Sondern wir greifen zu Produkten,
die irgendwo auf diesem Planeten (Außenwelt)
gewachsen sind. Es gibt eine Verbindung zwischen dem, was wir zu uns nehmen,
und unserem Körper, der diese Dinge verdaut: Zwischen uns Menschen (Subjekten) sowie Dingen, die wir zu uns
nehmen (Objekte) besteht eine
Passung (Korrespondenz).
Aus biblischer Weltsicht beinhaltet diese Passung nicht nur
die physischen Gegebenheiten. Dass wir nicht mit dem Kopf durch eine Betonmauer
gehen wollen, leuchtet uns ein. (Daher kommt der Ausdruck „mit dem Kopf durch
die Wand gehen“.) Wenn es jedoch um die moralische Ordnung Gottes geht, dann
können wir diese offensichtlich umgehen. Wir wollen uns zum Beispiel mit
fremden Federn schmücken und schreiben in der Klassenarbeit ab.
→
Frage: Weshalb trennen wir eigentlich zwischen physischen Fakten und der moralischen
Ordnung?
3. Wer lernt?
Der Vorgang des Erkennens führt zum Erkennenden, nämlich uns
selbst. Wir können ausschließlich über unsere Sinne wahrnehmen. Es gibt keinen
anderen Ein- und Ausgangskanal. So wie wir in einer bestimmten Art geschaffen
sind, so existieren für das Lernen einige Grundgegebenheiten.
3.1 Wir sind geschaffen, um zu lernen
Die erste besteht darin, dass wir überhaupt lernen müssen. Der
Mensch wird in einem Zustand kompletten Angewiesenseins auf andere geboren und
dann während Jahren durch Lernen zu einem Leben in der Gesellschaft befähigt.
Das heißt:
(a) Der Mensch ist gezwungen
zu lernen. Er entwickelt sich ständig.
(b) Er muss zudem in Übung bleiben. Das umschreiben wir mit
dem Wort „Gewohnheiten“. Jeder von uns hat tausende von Abläufen, Haltungen und Reaktionen verinnerlicht.
(c) Wir entwickeln ganz
unterschiedliche Schwerpunkte und Fähigkeiten. Unsere Charaktere und
Persönlichkeiten unterscheiden sich.
(d) Die Menschen sind mit unterschiedlichen Kapazitäten geschaffen
worden.
Diese vier Dinge sind unserem menschlichen „Design“ von der
Schöpfung her eigen. Wenn wir die drei ersten Punkte zusammennehmen: Jeder
Mensch ist auf seinen Schöpfer hingeordnet worden. Er lernt, um Ihn zu erkennen.
Dabei füllt er einen einzigartigen Platz aus.
→
Frage: Welche erstaunlichen Fähigkeiten hast du dir im bisherigen Leben
angeeignet? Was war dein Antrieb dazu? In welcher Hinsicht dienst du Gott
damit?
3.2 Die Grenzen unseres Lernens
Wenn ich hier aufhören würde, dann würde ein wichtiger Teil
der Realität fehlen. Gibt es denn nicht viele Kinder, die unter den Bedingungen
ihres Herkunftslandes und -familie zu leiden haben und sich nie in ihrem
Potenzial entwickeln können? Richtig. Verbauen sich nicht viele Schüler durch
schlechte (oder fehlende) Gewohnheiten einen beruflichen Weg, den sie von ihren
Anlagen her hätten einnehmen können? Stimmt. Und weshalb vergessen wir ständig
Dinge? (Manchmal scheint es, als würden wir mehr vergessen als dazu zu lernen.)
Auch das ist wahr. Weshalb gibt es Menschen, die in jedem körperlichen und
geistigen Belang besser ausgestattet worden sind als wir? In unserer Antwort
bauen wir oft die Bewertung „ungerecht“ ein.
Diese Fragen weisen auf zwei weitere Grundgegebenheiten des
Menschseins hin. Die Ordnung ist nicht mehr optimal. Es gibt jede Menge
Störfaktoren. Die biblische Weltsicht siedelt die Herkunft des Problems in uns drin an. Sie bezeichnet die
Verfassung, in der wir uns vom Anfang unseres Lebens her vorfinden, als Sünde.
Es gibt jedoch noch eine zweite Einschränkung: Unsere menschliche Begrenzung, sei es als
Mensch überhaupt oder bezüglich unserer Kräfte. Wir Menschen sind hinfällig und
schwach. Etwas, was bereits der Sohn von Adam und Eva realisierte und seinem
Sohn den Namen Enosch (schwach, hinfällig) gab (1. Mose 4,26).
→
Frage: Haderst du manchmal mit dem, was Gott dir zugeteilt hat? Was hättest du
gerne anders gehabt?
(Nur am Rande: Wir neigen dazu, einander unsere Begrenzungen
anzulasten und die Sünden zu entschuldigen. Was passiert dadurch? Wir
überspielen unsere Begrenzungen und verherrlichen Sünden.)
4. Wie kann Lernen gelingen?
Das bringt uns zum Punkt, bei dem viele anfangen würden.
Nämlich dazu, uns zu fragen, wie wir leben sollen. Weil wir uns zuerst den
anderen anspruchsvollen Fragen gestellt haben, fließen uns verschiedene
Erkenntnisse zu. (Womit auch klarer werden könnte, weshalb die ersten drei
Fragen diese Wichtigkeit für unser Lernen haben.)
Ein von Jesus erneuertes Leben zeigt sich in einer grundsätzlich erneuerten Ausrichtung.
Wir sind zu Seiner Ehre geschaffen worden. Dies schließt unser Lernen mit ein.
Gott hat nicht nur die physischen Gegebenheiten geschaffen,
deren Gesetze wir uns durch Lernen aneignen. Er hat zudem ein moralisches
Gesetz erlassen, dem wir jedoch wegen unserer Sünde oft widersprechen. Ein
gelingendes Leben beinhaltet das durch die Kraft des Heiligen Geistes gespeiste
Bestreben, dankbar beides zu erkunden
und uns danach zu richten. Wir ehren Ihn dadurch.
Wir sind mit der Aufgabe in diese Welt gestellt, Seine Schöpfung weiter zu entwickeln. Deshalb bilden wir unsere Gaben aus. Dabei lässt uns die Erfahrung unserer Begrenzung demütig werden. Wir sind in jeder Beziehung angewiesen auf unseren Schöpfer. Durch unsere eigenen Sünden und die Sünde unseres Umfelds bleiben unsere Lernprozesse dauerhaft gestört und angefochten. Wir erbitten deshalb von Moment zu Moment seine Bewahrung und Weisheit.
→ Frage: Was ist aus diesen Schlussfolgerungen dein vordringlichstes Lernfeld?
Der Beitrag Vier Grundfragen für das Lernen erschien zuerst auf Josia.