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Ein falscher Blick, ein genervter Tonfall oder eine erneut vergessene Bitte – es gibt viel, womit wir einander in Partnerschaften verletzen. Und das tagtäglich zwischen Büro und Alltagspflichten. Langjährige Paare haben meist gelernt, über kleine Verletzungen hinwegzusehen. Das ist gut so, denn im Alltag kostet es zu viel Energie, wenn man darüber diskutiert, warum der andere gerade so kritisch geguckt hat.
Gleichzeitig kann sich so aber auch ein Berg an Verletzungen anhäufen, der zwischen uns und unserem Ehepartner steht. Plötzlich braucht es nur noch eine Kränkung und man befindet sich in einer handfesten Ehekrise.
Gerade an den Wendepunkten des Lebens erleben Langzeitpaare, dass alte Verletzungen oder Versäumnisse wieder hochkommen. Ob nach der stressigen Kleinkindphase, in der Midlife-Krise, beim Auszug der Kinder oder dem Renteneinstieg – mit einem Mal merkt man: So habe ich mir unser gemeinsames Leben nicht vorgestellt. Aber wie geht es nun weiter?
Susanne und Marcus Mockler sind seit über 30 Jahren verheiratet und überzeugt: Bessere Ehen sind möglich. Mit Vorträgen, Büchern und dem Ehepodcast „Geliebtes Leben“ wollen sie Paaren dabei helfen. In ihrem Buch „Da geht noch was! 7 Liebes-Booster für Langzeitpaare“ berichten sie, was es braucht, um als Paar Verletzungen aufzuarbeiten und vergebungsbereit zu bleiben. Hier kommen 7 Erkenntnisse:
1. Sprich Verletzungen an!
Gerade bei kleinen Kränkungen stellt sich in einer Partnerschaft häufig die Frage: Spreche ich das jetzt an oder schweige ich? Einerseits ist es löblich, wenn nicht jede kleine Kränkung durchdiskutiert wird. Andererseits bietet das im schlimmsten Fall Sprengstoff für spätere Konflikte.
Denn oft wächst nicht automatisch Gras darüber. Wenn dich also etwas länger beschäftigt, was dein Ehepartner gesagt oder getan hat, sprich es am besten in einem ruhigen Moment an. Bedenke, dass der andere dir nur bis vor die Stirn gucken kann. Manches, was dich verletzt, wird er vielleicht gar nicht wahrgenommen haben.
Sinnvoll ist, nicht nur den Auslöser deiner Verletzung zu benennen, sondern auch den Grund dafür.
Wenn dein Mann später heimkommt, kannst du sagen: „Es hat mich verletzt, dass du spät heimgekommen bist.“ Das ist aber nur eine Feststellung. Besser ist es, wenn du sagst, was sein Verhalten bei dir ausgelöst hat: „Es hat mich verletzt, dass du spät heimgekommen bist und ich dadurch eine Verabredung absagen musste.“
2. Schluss mit Verteidigen, Rechtfertigen oder Nachtreten!
Bei Alltagsverletzungen in Partnerschaften ist meist keiner völlig im Recht oder Unrecht. Vielleicht hast du deinen Partner angeschnauzt, aber er hat dich vorher von oben herab behandelt. In solchen Situationen neigen wir dazu, unsere jeweiligen Fehler und Versäumnisse gegeneinander aufzuwiegen.
Diese Dynamik aus Vorwürfen und Rechtfertigungen trägt selten zur Lösung eines Konflikts bei und erst recht nicht zu Vergebung und Versöhnung.
Natürlich ist es wichtig, dass beide Seiten zu Wort kommen. Aber der Moment, in dem der andere dir sagt, wie sehr ihn dein Verhalten gekränkt hat, ist nicht der richtige, um ihm auch all seine Fehler aufzuzählen. Genauso wenig solltest du dich lange erklären oder rechtfertigen, warum du dieses oder jenes getan oder auch versäumt hast. Besser ist eine schlichte, ehrliche Entschuldigung.
Daran anschließend kannst du immer noch sagen, wo der andere wiederum dich verletzt hat. Hier und da ist das aber besser ein Thema für ein nächstes Gespräch. Das gilt besonders, wenn es um größere Verletzungen geht.
Wichtig ist zudem, dass der verletzte Partner nicht „nachtritt“, indem er Bemerkungen fallen lässt wie: „Wurde auch Zeit, dass du das einsiehst.“ Erkenne daher an, dass dein Partner dich um Entschuldigung bittet – selbst, wenn du noch wütend bist. Am besten ist, schlicht zu antworten: „Ich verzeihe dir.“ Wenn dir das noch nicht über die Lippen kommt, versuche zumindest, den Konflikt nicht durch zynische Bemerkungen wieder anzuheizen.
3. Meide die Trigger des anderen!
Wer lange zusammenlebt, weiß, womit er den Partner so richtig schön auf 180 bringt oder welche Bemerkung garantiert ins Schwarze trifft. Die Schwachstellen eines anderen Menschen auszumachen, lernen wir schon im Sandkasten mit unseren Geschwistern. Doch diese Waffen sollten wir gegen den Partner nicht zücken.
Die Triggerpunkte des anderen zu meiden, fördert die Lebensdauer einer Ehe. Diese stammen nämlich oft aus der Herkunftsfamilie oder früheren Beziehungen des Partners und rufen entsprechend starke Emotionen hervor.
Glücklicher lebt, wer die Schmerzpunkte des anderen meidet oder zumindest im Streit nicht bewusst ansteuert.
Zugleich sind Verletzungen aus der Vergangenheit kein Grund, den anderen wie ein rohes Ei zu behandeln oder für ihn, emotional ausfallend zu reagieren. Wenn du bemerkst, dass dein Partner in bestimmten Situationen ungewöhnlich emotional und vielleicht sogar verletzend reagiert, solltet ihr die Situation in einer ruhigen Minute klären
In unserer Ehe kennt mein Mann die Trigger aus meiner Herkunftsfamilie und kündigt an, wenn er etwas tut, was mich potenziell triggert. Das führt nicht automatisch dazu, dass mein Stresslevel in diesen Situationen normal bleibt, aber mein Mann signalisiert mir: „Wenn ich das tue, hat es eine andere Bedeutung als bei deinen Eltern.“ So lerne ich langsam, anders darauf zu reagieren und es nicht als Gefahr wahrzunehmen.
4. Trage dem anderen nichts nach!
Nicht jede Verletzung ist nach einer Aussprache direkt vergessen. Manchmal geht eine Kränkung so tief, dass eine gefühlt lapidare Entschuldigung im Anschluss dem nicht gerecht wurde, was in uns kaputt gegangen ist. Dann rechnen wir die Verletzung dem anderen weiter an, obwohl wir sie besprochen und vergeben haben.
Manchmal kommen Kränkungen häufiger vor und wir müssen immer wieder von Neuem vergeben. Dann fällt es schwer, die Kränkungen der Vergangenheit beim aktuellen Streit außer Acht zu lassen.
So oder so – etliche Menschen neigen dazu, trotz ausgesprochener Vergebung Buch über die Verfehlungen des Partners zu führen. Diese „Sündenkonten“ kramen sie dann hervor, sobald der Haussegen mal wieder schief hängt. Das ist einer Ehe aber nicht zuträglich – erst recht nicht, wenn sie lange halten soll.
Besser ist es nach einer Kränkung oder einem Streit den anderen wirklich von seiner Schuld freizusprechen und die Angelegenheit dann auch endgültig abzuhaken.
Mein Mann ist mir hier ein Vorbild, denn er ist in Bezug auf vergangene Konflikte extrem vergesslich. Wenn ich sage: „Ach, das war, als wir uns so krass gefetzt haben“, erinnert er sich oft nicht einmal mehr daran. Ich selbst habe eher das Gedächtnis eines Elefanten und muss mich zwingen, alte Konfliktakten wirklich geschlossen zu halten.
Wenn auch in deiner Ehe einer von euch besser darin ist, Vergangenes vergangen sein zu lassen, kann er den anderen liebevoll daran erinnern, alte Konflikte und Verletzungen nicht wieder aufzuwärmen.
Noch ein letzter Tipp dazu: Wenn dir bestimmte alte Verletzungen immer wieder in den Sinn kommen, gehört diese Verletzung zwar nicht in den aktuellen Streit, du solltest sie aber in einem ruhigen Moment mit deinem Partner ansprechen. Es kommt vor, dass wir über Kränkungen zu schnell hinweggehen und sie deshalb nicht loslassen können. Dann hilft eine ehrliche erneute Aussprache.
5. Vergebungs- und Veränderungsbereitschaft gehören zusammen
Gerade christlich sozialisierte Paare haben oft verinnerlicht, dass sie auch dann vergeben sollen, wenn der andere seinen Fehler nicht einsieht oder nichts daran ändert. Dazu rufen scheinbar auch viele Bibelstellen auf. So steht etwa in Kolosser 3,13: „Ertragt einander! Seid nicht nachtragend, wenn euch jemand Unrecht getan hat, sondern vergebt einander, so wie der Herr euch vergeben hat.“
Tatsächlich sind wir zur Nachsicht aufgerufen. Außerdem können wir unseren Partner nicht ändern. Mit manchen Eigenarten und Charakterfehlern werden wir uns ein Leben lang herumschlagen. Aber die Vergebungsbereitschaft des einen ist keine Entschuldigung für den anderen, einfach so weiterzumachen wie bisher.
Gutmütigkeit ist eine tolle Eigenschaft, aber sie schadet der Beziehung, wenn verletzendes Verhalten weder erkannt noch verändert wird.
Für eine gute Ehe braucht es auch gegenseitiges Vertrauen. Dieses nimmt nachhaltig Schaden, wenn der andere mich nach Belieben kränken und verletzen darf und ich dies schlicht vergeben muss.
Zur Vergebung kann daher auch gehören, Grenzen zu ziehen. Ich kann dem anderen vergeben, dass er immer wieder Absprachen nicht einhält oder mich anschreit, aber ich muss es nicht stumm dulden. Ich darf und ich sollte in bestimmten Situationen Konsequenzen ziehen – um meiner selbst und auch um unserer Beziehung willen. Das entbindet mich aber nicht davon, dem anderen zu vergeben.
6. Vergebung ist ein Prozess
Es lohnt sich, Kränkungen und Verletzungen in einer Beziehung schnell auszuräumen. Dazu rät auch der Apostel Paulus in Epheser 4,26: „Versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“
Doch nicht jeder Streit lässt sich über Nacht beilegen. Manche Verletzung brauchen Zeit, um zu heilen. Gerade wenn ihr schon viele Jahre als Paar zusammen unterwegs seid, bleiben Verletzungen nicht aus. Dann ist es gut, wenn ihr euch gegenseitig genügend Zeit gebt, um zu echter Vergebung fähig zu werden.
Hierbei kann es helfen, sich gegenseitig zuzusagen: „Ich bin dir gut“ oder „Ich will dir vergeben“, selbst wenn ihr eine Verletzung noch nicht vergeben oder einen Streit noch nicht ausräumen könnt. Damit signalisiert ihr einander, dass ihr die Sache, die zwischen euch steht, klären und ausräumen wollt. Du sagst deinem Partner damit: „Ich will Vergebung und ich will diese Beziehung“, aber du sprichst nichts aus, was du noch nicht aus tiefstem Herzen sagen kannst.
Natürlich ist es für beide Partner schwer, solche Vergebungsprozesse auszuhalten, aber eine ehrliche Vergebung nach einer Woche oder vielleicht auch mal einem Monat zählt mehr als ein lapidares „Ich vergebe dir“. Vergebung ist nämlich nichts, was einfach nur ausgesprochen wird, sie muss auch gelebt werden! Dazu braucht es manchmal Zeit.
Wichtig ist aber auch: Jede Verletzung, die du dem anderen weiter nachträgst, lastet letztlich auf dir selbst.
Daher sollte das Ziel jedes Vergebungsprozesses sein, zur Vergebung fähig zu werden.
Manchmal ist dies ein langer Weg und oft braucht es von der ausgesprochenen Vergebung bis hin zur Versöhnung etwas Zeit. Dies gilt besonders bei großen Verletzungen wie einem tiefen Vertrauensbruch oder einer Affäre. Doch wenn euch an einer langfristigen glücklichen Ehe liegt, wählt lieber den langen steinigen Weg statt halbherziger Abkürzungen.
7. Erkenne Versäumnisse an und sei bereit zur Veränderung!
Langjährigen Paaren stehen statt aktiver Kränkungen manchmal auch langjährige Versäumnisse im Weg. Vielleicht war er viel beruflich unterwegs, sodass sie ihn daheim eher wie einen Gast behandelte. Eventuell hat sie bei der Karriere zurückgesteckt, während er unter dem Druck stand, allein für die Familie zu sorgen.
Jeder von beiden hat ein Opfer gebracht, blieb aber auch dem anderen etwas schuldig – und am Ende herrscht auf beiden Seiten Bitterkeit.
In solchen Fällen ist es wichtig, darüber zu sprechen, was ihr euch eigentlich vom anderen gewünscht hättet. Dazu gehört, zu erkennen: „Ja, der andere ist mir etwas schuldig geblieben und das tat weh.“ Man sollte sich aber auch ehrlich eingestehen: „Auch ich bin dem anderen etwas schuldig geblieben, selbst wenn ich nicht aktiv gegen ihn gehandelt habe, sondern vielleicht sogar glaubte, etwas für ihn zu tun.“
Wie kann es jetzt anders werden? Kann es überhaupt anders weitergehen? Nicht jedes Versäumnis kann nachgeholt werden. Für manche verpasste Lebenschance ist der Zug abgefahren. Zu einer guten Ehe gehört dazu, dass ihr einander um Ent-Schuldigung bittet und das Verpasste gemeinsam betrauert.
Gleichzeitig steht oft noch eine Menge gemeinsamer Zukunft an. Ihr habt erkannt, was euch beiden gefehlt hat, also werdet kreativ und überlegt, wie ihr einander in Zukunft bessere Partner sein könnt.
Wie könnt ihr präsenter für den anderen sein, ihn mehr unterstützen, seinen Lebenstraum fördern? Tauscht euch ehrlich darüber aus, was ihr euch voneinander in der aktuellen Lebensphase wünscht, und geht Schritte der Veränderung.
Denn, um mit dem Titel des Buches von Susanne und Marcus Mockler zu sprechen: Da geht noch was!
Rebecca Schneebeli
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Quelle: Partner oder Gegner?