© Warren / unsplash.com
Neulich stand ich vor dem Regal mit 50 Shades of Grey. Ich wollte mein Gartenhäuschen streichen, aber die Farbauswahl im Baumarkt stellte mich vor ein Problem: Es gab nicht bloß Grau. Es gab Steingrau, Nebelgrau, Taubengrau, Aschegrau, Montagmorgengrau, Aktendeckelgrau, Innenstadtgrau. Diese Vielfalt überforderte mich. Ich wollte keine Flut an Schattierungen. Ich wollte einfach nur Grau!
Natürlich ist es schön, eine reichhaltige Auswahl zu haben. Zugleich zwingen mich unzählige Optionen ständig dazu, irgendetwas abzuwägen. Egal, ob es um Farbtöpfe, Käsesorten oder Parteiprogramme geht – jede Entscheidung kostet Reserven.
Dazu kommt eine Flut an Informationen, die ständig auf mich einströmen: Nachrichten, Push-Meldungen, Werbebanner, Kalender-Erinnerungen. Oder die neueste Unsitte: „Aus Umweltschutzgründen schicken wir Ihnen keine Rechnungen mehr per Post zu. Bitte registrieren Sie sich in unserer Cloud und laden Sie sich Ihren Kram gefälligst selbst runter!“
Ich habe längst den Überblick verloren, wo ich mich zu welchem Zweck registrieren musste – und wann ich was downloaden soll, damit Firmen auf Kosten meiner Kapazität nicht nur die Umwelt entlasten, sondern auch gleich noch ihre Portokasse.
Das ist das Paradoxe an unserer Überflussgesellschaft: Wir sind reich an Möglichkeiten und zugleich arm an Reserven.
Wenn Mental Load zu Schnellurteilen führt
Mein Hirn ist müde. Ich erlebe mich selbst als zunehmend denkfaul – oder besser gesagt denkerschöpft. Mental Load betrifft nicht nur Mütter; ich nehme ihn als gesamtgesellschaftliches Problem wahr, das Gefahren birgt.
Je begrenzter die Ressourcen, aus denen sich mein Denken speist, desto stärker sehne ich mich nach Eindeutigkeit. Oft bringe ich nicht mehr die Kraft auf, mich gedanklich tiefer auf Dinge einzulassen. Und dann ertappe ich mich dabei, zu Schnellurteilen zu greifen – schlicht, weil sie meine Akkus schonen.
Pointe schlägt Tiefgang
Auf Social Media wird diese Dynamik besonders sichtbar. Diese Plattformen belohnen selten tiefergehende Diskurse. Durch die immense Flut an Inhalten werden Informationen häufig nicht fundiert präsentiert, sondern pointiert. Kontext und Hintergründe fehlen oft.
Wenn ich durch Social-Media-Feeds scrolle, bekomme ich nicht einfach Nachrichten präsentiert, sondern eine Punchline nach der anderen, in einer Geschwindigkeit, die mein Nervensystem im Alarmmodus hält.
Pointen erzeugen Emotionen und diese färben auf mein Urteil ab.
Wenn ich nicht aufpasse, springe ich auf den Zug auf, mache mir eine Sicht zu eigen und denke kaum noch darüber nach, wie man die Dinge auch anders sehen könnte. Ich glaube dann an Schwarz oder Weiß. Auf die Nuancen dazwischen – die Grautöne – verwende ich keine Energie, weil gefühlt kaum welche da ist.
Schwarz-Weiß-Denken aus Erschöpfung
Natürlich gibt es Menschen, die sich mit großer Überzeugung entweder Schwarz oder Weiß zuordnen und diese Sicht vehement verteidigen. Aber ich glaube, dass viele Menschen aus Erschöpfung in Extreme rutschen – und dass niemand davor komplett gefeit ist. Denn Schwarz-Weiß-Denken verspricht Entlastung.
Es suggeriert Zugehörigkeit: Wir gegen die. Das macht populistische Erzählmuster so attraktiv, die behaupten: „Du bist das Opfer von diesen oder jenen (füge hier einen beliebigen Sündenbock ein) – und wir verteidigen dich dagegen!“
Dieses „Wir kümmern uns um dich“ klingt verlockend, wenn ich mich in meinem Leben schon um so vieles andere kümmern muss. Zudem fühlt es sich moralisch klar an – wie ein Stück Eindeutigkeit in einer viel zu komplexen Welt. Es erinnert mich an den Baumarkt: Ich will doch einfach nur Grau!
Was mich Eindeutigkeit kostet
Wenn ich gut gemachte Pro-und-Contra-Formate zu politischen Themen im Radio höre, bin ich oft erleichtert. Nicht selten kann ich nämlich beiden Seiten etwas abgewinnen und stimme keiner vollständig zu. Ich bin froh, wenn Journalistinnen und Journalisten zu einem strittigen Thema unterschiedliche Nuancen aufzeigen, die – jeweils in ihrem Kontext – eine gewisse Berechtigung haben. Wenn ich nur Pro oder nur Contra zustimmen will, sollte ich mich fragen, ob ich nicht etwas übersehe.
Denn Eindeutigkeit hat einen Haken: Sie klebt wie ein Etikett auf Dingen oder Menschen. Wenn ich nur noch pro oder contra über jemanden denke, verkenne ich die Fülle an Gründen, Motiven und die jeweilige Biografie, die hinter einer Position stehen kann.
Ich kann Politikerinnen und Politiker von den extremen Rändern für ihre Meinung ablehnen – und trotzdem versuchen, zu verstehen, warum sie so ticken, statt ihnen pauschal die Menschenwürde abzusprechen.
Jeder Mensch hat Würde – unabhängig von seiner Meinung
Das fällt mir bei gewissen rücksichtslos agierenden Machthabern oder bei Menschen, die in meinem Umfeld immer wieder Grenzen überschreiten, schwer. Trotzdem versuche ich zu differenzieren: Was lehne ich an diesem Menschen ab – und warum? Wie kommt er oder sie zu dieser Denkweise oder diesem Verhalten? Welchen Wert hat dieser Mensch unabhängig davon, was ich über ihn denke?
Allein die Tatsache, dass Gott jedem Menschen von Geburt an Würde verliehen hat, verbietet es mir, sie ihm abzusprechen – ganz gleich, ob mir jemand nur schräg vorkommt oder ob Menschenwürde für ihn selbst ein Fremdwort ist.
Wenn ich Menschen auf etwas Eindeutiges reduziere, muss ich mir bewusst sein: Das steht nicht in Einklang mit ihrer Menschenwürde.
Reife statt Relativismus
Nun könnte man mir vorwerfen, dass ich relativiere: Weil ich mich nicht klar positionieren will, sondern auf Zwischentöne verweise. Aber Nuancen zu erkennen, bedeutet nicht, dass alles gleichgültig wäre. Nuancen sehen heißt: besser hinschauen, präziser urteilen und gerechter über andere reden.
Die Forderung nach Eindeutigkeit wird oft mit Empörung vorgetragen. Doch Empörung ist kein guter Ratgeber. Sie kann mein Denken vernebeln und einseitig machen.
Wenn ich Verständnis für die Gegenposition aufbringe, bedeutet das nicht, dass ich sie teile oder gutheiße. Ich versuche lediglich, hinter diese Position zu blicken: Wie ist sie entstanden? Welche Emotionen und Bedürfnisse speisen sie? Welche Not steckt eventuell dahinter? Größeres Verständnis für die andere Seite kann Barmherzigkeit statt Ablehnung wecken – und Verantwortung fördern.
Denn wenn ich Dinge oder Menschen nicht pauschal ablehne, bin ich gezwungen, mein Verhältnis zu ihnen auszuloten.
Vielleicht sehe ich mich moralisch dann sogar zum Handeln verpflichtet. Beides ist anstrengend – besonders, wenn mein Denken müde geworden ist. Aber generell ist es eine gute Übung für den eigenen Horizont, auch mal andere Perspektiven einzunehmen als die gewohnte.
Wie entdecke ich Grautöne?
Ganz ehrlich: Ich sehe auch nicht überall sofort jede Nuance. Mein Denken ist oft genauso erschöpft wie das vieler anderer Menschen. Wenn ich merke, dass ich in Mental Load versinke, muss ich zuerst Entlastung schaffen. Das heißt für mich: weniger Nachrichten, weniger Scrollen, dafür lieber ein Spaziergang an der frischen Luft mehr, bei dem meine medial verfetteten Gedanken wieder in Trab kommen.
Und dann gilt es:
1. Hinterfrage, was du zu wissen glaubst
Was weiß ich wirklich über das Thema, das mich gerade aufregt, und was glaube ich nur zu wissen? Könnte es sein, dass ich mich irre? Wer erzählt mir da eigentlich was? Gibt es Möglichkeiten, selbst Erfahrungen dazu zu machen?
Ich hätte über die Geflüchteten in unserer Stadt pauschal sagen können: „Die gehören hier alle nicht her!“ Stattdessen habe ich einige im Asylbewerberheim gegenüber besucht und dabei ganz unterschiedliche Menschen kennengelernt.
Manche Begegnungen haben das Klischee bedient, weil ich bei diesen Leuten kaum Bereitschaft wahrnahm, sich einzuleben, unsere Sprache zu lernen oder zu arbeiten. Andere Geflüchtete hingegen haben mich mit ihrem Willen tief beeindruckt, ihr Leben trotz aller Widerstände in diesem Land neu aufzubauen. Einer davon sprach vor einigen Jahren noch kein Wort Deutsch. Inzwischen ist er stellvertretender Leiter eines Kindergartens und schreibt demnächst seine Doktorarbeit in unserer Sprache.
Zwischen diesen Polen gibt es alles an Menschen – und genau das gilt es zu unterscheiden, statt pauschale Urteile zu fällen. Das ist meine persönliche Erfahrung.
2. Denk dich in die Gegenposition hinein!
Ich muss eine Gegenposition nicht annehmen, aber ich kann versuchen, sie nachzuvollziehen. Das hilft nicht nur, meine eigenen Argumente zu schärfen, sondern kann mich unter Umständen sogar überraschen. Vielleicht ist die Position, die ich ablehne, gar nicht so abwegig, wie ich zuerst dachte. Und die Menschen, die ich nicht verstehen konnte, sind gar nicht die Bösewichte, für die ich sie gehalten habe.
Erneut: Hierbei geht es nicht ums Relativieren. Unrecht bleibt Unrecht. Die interessante Frage lautet eher, was Menschen dazu bewegt, Unrecht zu tun – und wie ich ihnen trotzdem mit einem angemessenen Maß an Respekt begegnen kann, ohne die Tat kleinzureden.
Der Schlüssel lautet: Trenne Person und Position. Ich kann Aussagen und Taten kritisieren, ohne den Menschen dahinter abzuwerten.
Das entschärft übrigens auch den Satz, den man in letzter Zeit häufiger hört, wenn es um verfeindete politische Lager geht: „Mit solchen Menschen redet man nicht!“
3. Erweitere dein Vokabular
Schwarz-Weiß-Denken ist energieeffizient, führt aber leider auch zu einer gewissen geistigen Starre, die Ängste verstärken kann. Hier hilft es, verallgemeinernde Reizwörter zu identifizieren. Solche sind unter anderem: immer, jeder, alle, nie, ständig, man, keiner, niemand, einzig, nichts, nur.
Wörter wie diese zeigen mir eine Extremposition meines Denkens an. Hier einige Beispiele:
-
Alle Politiker lügen uns an!
-
Jeder weiß doch, dass die Presse nur Mist schreibt!
- Die Partei XY ist die Einzige, die man als Christ noch wählen kann!
-
Die haben doch keine Ahnung!
Zu vielem, was hier kursiv gesetzt ist, gibt es ein Gegenteil. Und nicht nur das: Dazwischen finden sich viele Nuancen, die sich unterschiedlich ausdrücken lassen. Unter anderem so:
-
Manche Politiker lügen uns an. Aber es gibt auch solche, die gewissenhaft handeln und nicht nur das eigene Wohl im Blick haben.
- In der Presse wird viel Mist geschrieben, aber nicht ausschließlich.
- Die Partei XY ist eine, in deren Programm ich meine Auffassung vom christlichen Glauben wiederfinde. Andere Parteien vertreten zum Teil aber auch Positionen, die ich teile.
- Ich unterstelle „denen“, dass sie über weniger Wissen hinsichtlich eines bestimmten Themas verfügen, als ich es für angemessen halte. Ich öffne mich jedoch für die Möglichkeit, dass ich mich irre.
Zu behaupten, Verallgemeinerungen seien nie gut, wäre wiederum eine Verallgemeinerung. Aber in vielen Fällen sind sie tatsächlich nicht hilfreich.
Auf welcher Seite steht eigentlich Gott?
Leider finden wir verallgemeinerndes Lagerdenken auch unter Christen. Es beginnt dort, wo ich meine Auffassung des christlichen Glaubens absolut setze und das, was ich für die Wahrheit halte, als allgemeingültig erkläre. Dann sage ich etwa: Die Wahrheit, an die ich glaube, steht so in der Bibel. Das sei also gar nicht meine Auffassung, sondern die von Gott. Dieses Beharren kann mir die Unbequemlichkeit ersparen, mich mit anderen theologischen Positionen auseinanderzusetzen oder Zweifel an der eigenen Rechtgläubigkeit zuzulassen.
Wenn ich mir versichere, Gott auf meiner Seite zu haben, kann er ja nicht auf der anderen Seite stehen, oder?
Spannungen aushalten, statt absolute Wahrheiten verkünden
Gestattet mir diese persönliche Ansicht: Ein reifer Glaube ist meines Erachtens keiner, der auf seiner Position beharrt und alles davon Abweichende ablehnt.
Glaube ist kein Standpunkt, sondern ein stetiges Weiterentwickeln. Er lebt von der persönlichen Beziehung eines Menschen zu Gott, die jeder auf seine eigene Weise lebt.
Und ganz besonders lebt Glaube von Fragen, Spannungen und Ambivalenz. Kein Mensch kann nachvollziehbar erklären, wie Jesus zugleich Mensch und Gott sein kann. Das sprengt unsere Logik.
Mit dieser Spannung leben wir als Christen. Daher denke ich, dass wir auch weitaus geringere Ambivalenzen aushalten können, ohne uns gegenseitig den Glauben abzusprechen.
Die Bibel ist ein Buch voller vordergründig klarer Aussagen, die nach einigem Nachdenken tiefer und manchmal rätselhaft erscheinen. Daraus können wir Positionen herauslesen, die sich gemeinschaftlich teilen lassen. Aber die Wahrheit dahinter können wir nicht besitzen – sie gehört uns nicht.
Inmitten all dieser Nuancen und Grautöne bleibt uns am Ende eine Zusage: Gott ist gnädig. Und Jesus ist uns als Weg, Wahrheit und Leben Rätsel und Antwort zugleich.
Katrin Faludi
Gerne stellen wir Ihnen unsere Inhalte zur Verfügung. Und würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende fördern. Herzlichen Dank! Jetzt spenden
Quelle: Grautöne statt Extremdenken