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„Ich hasse dich!“ Wenn die hübsche Heldin diesen Satz wütend dem unnahbaren Mr. Right zuwirft, schlägt mein Herz höher. Sobald es um Liebesgeschichten geht, fahre ich voll auf „Enemies to Lovers“ ab. So nennt man es im Fachjargon, wenn zwei Menschen, die sich zu Beginn spinnefeind sind, am Ende verliebt in den Sonnenuntergang reiten.
Können aus Feinden Liebende werden?
Ob Klassiker wie „Der Widerspenstigen Zähmung“ und „Stolz und Vorurteil“ oder moderne Adaptionen wie „10 Dinge, die ich an dir hasse“ oder „Bridget Jones“, der Reiz liegt in der Idee, dass aus Feinden Liebende werden. Eine schöne und irgendwie sogar biblische Idee, die im realen Leben jedoch oft keinerlei Substanz hat.
Schon in „Stolz und Vorurteil“ braucht die taffe Miss Bennet lange, um Mr. Darcys abfällige Worte über sich und ihre Familie zu verzeihen. Viele Monate nährt sie diese Kränkung und glaubt sogar den Lügen anderer über den verhassten Mann.
Erste Eindrücke hallen nach
Das verstehe ich nur zu gut. Auch mir fällt es leicht, Schlechtes über jemanden anzunehmen, der mich gekränkt, verletzt oder sogar beleidigt hat. Nach dieser Verletzung lasse ich selbst Freundlichkeit nicht mehr an mich heran, weil ich sie für aufgesetzt oder manipulativ halte. Nicht grundlos war der Originaltitel des Romans „First Impressions“ (Erste Eindrücke).
Denn letztlich geht es in Enemies-to-Lovers-Stories immer darum: Die beiden Figuren haben eine vorgefasste Meinung vom anderen, meist in Zusammenhang mit einer erlebten Verletzung.
Erst Stück für Stück erleben sie, dass der andere in Wahrheit eben doch kein Monster, sondern eigentlich ganz nett, vielleicht sogar liebenswert ist. Der Blick verändert sich und der Weg wird frei fürs Liebesglück.
Wenn aus Feinden keine Liebenden werden
Im wahren Leben kommen wir oft nicht so weit. Da bleiben erste Eindrücke, Kränkungen und Verletzungen einzementiert. Ein Perspektivwechsel? Fehlanzeige! Ist etwa aus der Klassenkameradin, die über dich gelästert hat, deine beste Freundin geworden? Oder aus dem Dozenten, der dich vor dem ganzen Kurs bloßgestellt hat, dein Lieblingsprofessor? Wahrscheinlich nicht.
Vermutlich hast du viel eher wie ich deine Abneigung gehegt und gepflegt. Gestichelt, gelästert und über deinen „Feind“ geklagt. Eine menschliche, aber keine sehr christliche Reaktion. Denn in der Bibel fordert Jesus uns zur „Feindesliebe“ auf.
Ein 1. Schritt zur Feindesliebe: Einander ertragen
Das bedeutet nicht, dass ich mit der Person, die mir Schaden zugefügt hat, am Ende vor dem Traualtar lande. Und es geht auch nicht gleich darum, sich um einer höheren Sache willen irgendwie zusammenzuraufen – wie man es aus anderen Genres wie Krimis oder Actionfilmen kennt. Das wäre schön, gelingt aber nicht immer.
Erstmal geht es Jesus um etwas viel Grundlegenderes. Der Apostel Paulus bringt das im Kolosserbrief schön auf den Punkt: „Ertragt einander! Seid nicht nachtragend, wenn euch jemand unrecht getan hat, sondern vergebt einander, so wie der Herr euch vergeben hat“ (Kolosser 3,13).
Ein erster Schritt hin zu biblischer Feindesliebe ist nicht, den anderen plötzlich doch ganz nett zu finden, sondern ihn zu „ertragen“, wie er ist, und ihm sein Fehlverhalten zu vergeben.
Das ist schon eine immens hohe Forderung, die sich oft viel zu hoch anfühlt.
Bitterkeit loslassen – so wird es möglich
Denn wir Menschen verletzen einander am laufenden Band. Es ist kein Zufall, dass Paulus seine ermahnenden Worte nicht an zwei Kriegsparteien richtet. Er schreibt sie bewusst an eine Gemeinde und damit an eine Gemeinschaft, in der man eigentlich erwartet, auf derselben Seite zu stehen.
Mein Feind – das ist nicht nur der arrogante Professor oder die fiese Schulkameradin. Zu meinem Feind kann auch mein Bruder im Glauben werden, mein Vater, meine Mutter oder sogar mein Ehepartner. Überall, wo ich mit Menschen zusammen bin, erlebe ich Verletzungen. Dann kann es passieren, dass diese Kränkungen mir komplett den Blick auf die andere Person verstellen. So wie es in Enemies-to-Lovers-Geschichten der Fall ist.
Dann brauche ich kein Tête-à-Tête im Regen mit Fastkuss – so toll das auf großer Leinwand auch wirkt. Ich brauche eine Herzensveränderung.
Ich brauche die Gewissheit, dass die erlebte Abwertung nichts an meinem Wert als Mensch ändert. Ich brauche die Erkenntnis, dass ich selbst genauso verletzend sein kann und oft auch bin. Und ich brauche Gottes Kraft, um meine Bitterkeit loszulassen und dazu bereit zu werden, den anderen zu ertragen und ihm irgendwann zu vergeben. Übrigens selbst dann, wenn er sich am Ende nicht als strahlender Mr. Right herausstellt, sondern ein Mistkerl bleibt.
Ein Happy End der anderen Art
Bist du bereit, dich auf diese gottgewollte Version von Enemies-to-Lovers einzulassen? Vielleicht überrascht Gott dich und aus deinem Feind wird ein Mensch, den du von Herzen lieben kannst. Denn wenn wir anderen mit Freundlichkeit begegnen, verändert das oft auch ihre Haltung uns gegenüber.
Vielleicht bleibt dein persönlicher Feind aber auch verletzend, doch du erlebst, wie Gott es segnet, dass du den Weg der Vergebung einschlägst. Eventuell tröstet und ermutigt er dich auf besondere Weise, wenn du Kränkungen durchlebst. Oder er schenkt dir Verständnis dafür, warum der andere sich so verletzend verhält schenkt.
Ganz gleich, wie deine Geschichte am Ende ausgeht, du wirst sehen: Deine Bitterkeit loszulassen, bereichert nicht nur dein Leben, sondern gibt anderen auch eine Ahnung davon, wie gnädig Gott ist.
Und zwar selbst dann, wenn das Happy End im Sonnenuntergang ausbleibt.
Rebecca Schneebeli
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Quelle: Liebst du schon deinen Feind?