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Es ist ein ganz normaler Mittwoch. Ich bin zehn Jahre alt und komme gerade aus der Schule nach Hause. Ich stecke den Schlüssel in die Haustür und ohrenbetäubende Stille schlägt mir entgegen. Mein Herz schlägt schneller. Heute ist also wieder ein schlechter Tag, denke ich.
Ich koche etwas, räume das Haus auf und wasche die Wäsche. Ein paar Stunden später kommt er hoch. Er schaut mich mit seinem traurigen Blick an. Nach einigen stillen Sekunden dreht er sich um und geht die Stufen der Treppe wieder hinunter, als gäbe es mich und die Verantwortung, die er hier eigentlich trägt, nicht.
Mein Vater hat sich nicht um mich gekümmert, sondern ich mich um ihn. In meinem Leben gab es schon früh diesen Rollenwechsel. Ich konnte nicht einfach Kind sein, sondern trug viel Verantwortung. Verantwortung, die mein Vater nicht tragen konnte. Das überschattete nicht nur meine Kindheit, sondern prägt meine ganze Lebensgeschichte.
Wenn die Traurigtage überwiegen
Mein Vater hatte 30 Jahre lang Depressionen. Lange bevor ich auf die Welt kam, kämpfte er schon mit dieser Krankheit. Mal gab es gute, mal schlechte Tage.
Die guten Tage nannten wir die Sonnentage und die schlechten die Traurigtage. Irgendwann überwogen die Traurigtage.
Als ich im Grundschulalter war, haben wir ihn oft im „Krankenhaus“ besucht, was in Wirklichkeit eine Psychiatrie war. Für mich war es schrecklich, meinen Papa nach der Verabschiedung dort zu lassen. Die Klinik wirkte dunkel und beängstigend auf mich als Kind. In all den Jahren haben wir ihn in mindestens sieben Psychiatrien besucht.
Mit ungefähr zehn Jahren wurde mir bewusst, dass meine Familie anders ist als andere Familien. Meine Mama arbeitete unglaublich viel und war kaum zu Hause, schließlich musste sie als Alleinverdienerin unsere Familie versorgen. Für mich ist sie heute noch die stärkste Frau der Welt. Das bedeutete aber auch: Neben den Hausaufgaben musste ich alltägliche Aufgaben im Haushalt erledigen wie kochen, waschen, putzen und einkaufen.
Ich bin Einzelkind und war deshalb mit allem immer allein. Allein mit einem depressiven Vater, der oft nur passiv anwesend war. Da war niemand, der mich und meine Situation wirklich verstehen konnte.
Es gab besonders schlimme Tage, an denen mein Vater von Suizid sprach. In den Tagen darauf kam ich immer mit einem mulmigen Gefühl nach Hause. Ich wusste dann nicht, wie ich meinen Papa vorfinde. Er hat zum Glück nie versucht, sich das Leben zu nehmen, dafür hat er uns zu sehr geliebt.
Trotzdem war die Angst mein täglicher Begleiter. Es fühlte sich für mich an, als wäre die Depression meines Vaters wie eine große, dunkle Gestalt, die alle Leichtigkeit und Freude aus unserem Haus vertrieb. Stattdessen zogen Stille und Dunkelheit ein.
Die Last war weg – die Wut bleibt
Nach Jahren des Leidens und viel Gebet haben wir uns als Familie dazu entschieden, dass es besser ist, wenn Papa auszieht und meine Eltern sich trennen. Das war für uns alle die Rettung, vor allem für mich. Ich hielt es einfach nicht mehr aus.
Nachdem mein Vater ausgezogen war, fühlte ich mich befreit. Die große Last der Verantwortung war weg.
Ich konnte endlich wieder Dinge tun, die für andere Kinder selbstverständlich waren. Unbeschwert traf ich mich mit Freunden und hatte wieder Zeit für die Schule und für Hobbys.
Neben der Erleichterung spürte ich aber auch, wie andere Emotionen in mir hochkamen. Einerseits war da Neid: Wieso hatten andere Kinder gesunde Väter, die gerne für sie kochten und sich liebevoll um sie sorgten?
Andererseits spürte ich auch Wut: Warum ist mein Vater nicht einfach normal? Will er überhaupt gesund werden? Warum kann er sich nicht zusammenreißen? Mein Vater nahm meine Wut wahr und ermutigte mich, sie rauszulassen, damit ich sie nicht in mich hineinfresse. Ich durfte meinen Gefühlen freien Lauf lassen, weil er mir Platz dafür gab. Das tat mir gut.
Vor allem galt meine Wut aber Gott. Wieso hatte er zugelassen, dass mein Papa so krank wurde? Wieso hat er ihn nicht geheilt, obwohl wir immer wieder dafür gebetet haben? Wieso lässt er mich dieses Leid durchleben? Ich verstand nicht, warum Gott nicht eingriff. Die verzweifelte Wut darüber ließ mich dumpf und leer zurück.
Getragen, auch wenn ich es nicht fühlte
In meiner Familie haben wir einen tiefen Glauben an Jesus, auch damals schon. Mein Vater hat Theologie studiert und meine Eltern waren mehrere Jahre in Amerika missionarisch aktiv – und trotzdem hat er diese Krankheit bekommen. Ich musste lernen, dass auch Christen Leid erleben und Jesus nicht immer so handelt, wie wir uns das wünschen.
Als ich noch klein war, haben wir als Familie oft das Gedicht „Spuren im Sand“ von Margaret Fishback Powers gelesen. Darin wird beschrieben, dass Gott Menschen in den schwersten Zeiten ihres Lebens nicht verlässt, sondern hindurchträgt. Die Autorin malt hier das Bild, dass man an diesen Stellen statt zweier nur eine Fußspur im Sand sieht.
Dieses Bild hat mir in meiner schwersten Zeit sehr viel Kraft gegeben. Auch wenn ich dieses Leid durchleben musste und Gottes Handeln oft nicht verstehen konnte, wusste ich:
Er trägt mich, – auch wenn es sich nicht immer so anfühlt und meine Gebete scheinbar unerhört bleiben. Bis diese Wahrheit wirklich in mein Herz gesunken ist und ich mich Schritt für Schritt mit meiner eigenen Geschichte versöhnt habe, dauerte es aber viele Jahre.
Als ich lernte, Gott wie einen Vater zu sehen
In den ersten Jahren nach Papas Auszug fiel es mir sehr schwer, Gott als meinen himmlischen Vater zu sehen. Mein irdischer Vater hatte mich enttäuscht und so oft allein gelassen. Wieso sollte es bei Gott anders sein?
Dennoch wollte ich Gott eine Chance geben. In der Bibel entdeckte ich, dass Gott dort als liebevoller, fürsorglicher Vater beschrieben wird, der seinen Kindern treu zur Seite steht. „Ich werde euer Vater sein, und ihr werdet meine Söhne und Töchter sein“, heißt es in 2. Korinther 6,18.
Zögerlich ging ich kleine Schritte auf Gott zu und er versorgte behutsam und geduldig mein hartes, enttäuschtes Herz.
KI-generierte Collage: Nora Freudenthaler hält symbolisch sich selbst als Kleinkind auf dem Arm.
Meine Kindheit hatte tiefe Wunden hinterlassen, die Zeit brauchten, um zu heilen. Ich stellte mich diesen Verletzungen und nahm mehrere Jahre lang Seelsorge in Anspruch. Dort durfte ich meine Gefühle und meinen Schmerz offenbaren. Ich bekam Unterstützung bei dem, womit ich mich früher so allein gefühlt habe.
Zum ersten Mal konnte ich meine Vergangenheit nicht nur erzählen, sondern lernte auch, sie anzunehmen – mit all dem, was sie in mir geformt hat. Das half mir sehr dabei, Frieden zu schließen: Mit meiner Geschichte und mit meinem Vater.
Das war für mich ein sehr großer und bedeutender Schritt. Ich konnte die Wut auf Gott, meinen Vater und die Vergangenheit loslassen – und wir konnten von Neuem anfangen.
Getragen, geheilt, versöhnt
Die verpassten Jahre meiner Kindheit kann mir niemand zurückgeben. Aber ich schaue heute liebevoll auf meine Geschichte zurück.
Mein Vater hat die Depression überwunden. Meine Eltern konnten einander vergeben und unterstützen mich heute.
Mit der Zeit konnte ich auch das Gute sehen, das Gott in all dem Schweren in mir wachsen ließ. Diese Jahre haben eine Stärke in mir hervorgebracht, die ich sonst nie entwickelt hätte. Eine Stärke, die mich nicht härter, sondern weicher gemacht hat.
Ich habe gelernt, mit den Bruchstellen in meiner Biografie zu leben, ohne dass sie mich bestimmen. Heute weiß ich: Meine Geschichte hat mich geprägt, aber sie definiert mich nicht länger – und ich darf versöhnt leben.
Nora Freudenthaler
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Quelle: „Ich war das Kind und doch die Erwachsene“