Impulse

Übersicht »

Verzeihen Sie bitte!

erstellt am 28.02.2026 00:00:00

Wenn das mit dem Versöhnen doch nur einfacher wäre. Ist es aber nicht! Denn: Wer versöhnt sein möchte, muss normalerweise erst einmal vergeben. Und gerade das fällt vielen zurzeit unglaublich schwer.

Studien zumindest zeigen, dass unser Miteinander immer unversöhnlicher und gnadenloser wird. Und dass wir unschönes Verhalten anderer immer schneller als persönliche Kränkung erleben. Statt über manche Unvollkommenheiten, Ausrutscher und Fehltritte liebevoll hinwegzusehen, kreiden wir sie einander an. Das geht so weit, dass wir Menschen pauschal verurteilen; manchmal bewusst, manchmal eher unbewusst. 

Tatsächlich war die ,Angst vor zunehmendem Hass und Feindseligkeit in der Gesellschaft‘ gerade auf Platz 1 des Sorgenbarometers der Deutschen.

Mehr noch: Es fällt uns auch zusehends schwerer, uns selbst zu vergeben. Woher kommt das? 

Vergeben oder Vergelten? 

Ganz sicher hat die wachsende Verrohung damit zu tun, dass das Prinzip der Vergeltung für viele inzwischen prägender ist als das Prinzip der Vergebung: Wenn mir jemand etwas Böses tut, anderer Meinung ist als ich oder ich mich ungerecht behandelt fühle, dann verurteile ich oft nicht nur diese eine Tat an sich, sondern erkläre den anderen insgesamt zum Übeltäter. In der Vergeltungslogik teile ich die Welt in Freund und Feind auf.  

Und wenn ich gar nicht genau weiß, warum es mir eigentlich schlecht geht, dann suche ich mir jemanden, der angeblich an allem schuld ist: die Linken, die Rechten, die da oben, die da unten, die Liberalen oder die Fundamentalisten. Dazu kommt:

Der anderen Seite wird in so einem Denkmuster oftmals die Menschenwürde abgesprochen. Denn einem ,Monster‘ kann oder muss ich natürlich nicht verzeihen. Von Versöhnung ganz zu schweigen. 

Doch diese polarisierende Einstellung hat etwas zutiefst Tragisches. Denn wenn wir uns ständig auf diejenigen fokussieren, die uns angeblich Schlechtes wollen, dann betrachten wir uns ja grundsätzlich als Opfer und führen kein selbstbestimmtes Leben mehr – und auch kein glückliches.

Im Gegenteil: Wir definieren uns über unsere Verletzungen, unsere Unzufriedenheit und unsere Feindbilder – und weisen damit zugleich jegliche Verantwortung für unsere Unzufriedenheit von uns. 

Und: Die Unbarmherzigkeit gegenüber anderen führt oft auch dazu, dass wir mit uns selbst hart ins Gericht gehen und uns nicht verzeihen können. So nimmt die Zahl der Menschen, die am Impostor-Syndrom leiden (der Angst, nicht gut genug zu sein), gerade massiv zu. 

Vergebung: ein Gamechanger 

Das heißt aber auch: 

Die befreiende Idee der Vergebung könnte ganz neu zu einem Gamechanger in unserer inzwischen so rauen Gesellschaft werden, wenn wir neu lernen, mit uns und anderen gnädiger zu sein.

Denn Vergebung durchbricht die destruktiven Strukturen von Kränkung und Rache, zeigt Wege für einen gemeinsamen Neuanfang auf und führt dazu, dass wir uns die Zukunft und die Gegenwart nicht mehr von den Verletzungen aus der Vergangenheit versauen lassen.  

Zu vergeben erfordert allerdings einiges an Mut. Vermutlich hat Mahatma Gandhi deshalb gesagt: „Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.“ Denn Vergebung untergräbt unser tiefsitzendes Gerechtigkeitsempfinden: Schuld muss gesühnt, Unrecht bestraft werden. Die Philosophin Svenja Flasspöhler meint sogar: „Wer verzeiht, handelt weder gerecht noch ökonomisch noch logisch.“ Stimmt! Wer vergeben will, muss an vielen Stellen über seinen Schatten springen.  

Vergebung verstehen 

Wenn ich lernen will zu verzeihen, ist es hilfreich, mir darüber klar zu werden, was Vergebung genau meint. Viele denken nämlich: Wenn ich jemandem verzeihe, gebe ich ihm gefühlt irgendwie recht. Oder ich gebe klein bei, stehe als Verlierer da. Oder muss das Unrecht vergessen. Das stimmt aber nicht.

Denn Vergeben meint weder, den Täter zu verschonen, noch die Tat und den Schmerz darüber zu leugnen oder das Unrecht zu vergessen. Nicht die Tat wird verändert, sondern mein Umgang mit ihr. 

Deshalb kann ich auch einem Menschen vergeben, der mich betrogen hat – und ihm trotzdem die Freundschaft kündigen. Ich kann jemandem vergeben, der mich missbraucht hat – und ihn trotzdem anzeigen. Ja, ich kann sogar jemandem seine Taten vergeben, der längst tot ist.

Denn Vergeben meint nicht automatisch Versöhnung. Natürlich ist es großartig, wenn es nach der Vergebung irgendwann auch zur Versöhnung kommt – muss es aber nicht. 

Gesunde Selbstliebe statt Groll 

Doch was ist Vergebung dann? Vergeben heißt zuallererst: Ich befreie mich selbst von meinem Groll und meiner Wut und lerne, mit meinen Verletzungen anders umzugehen. 

Stellt sich die Frage: Kann man das wirklich lernen? Der renommierte Vergebungsforscher Robert Enright ist überzeugt: Ja, das kann man. Konkret lädt Robert Enright dazu ein, die Perspektive zu wechseln: Nicht mehr auf diejenigen zu schauen, die mich verletzt haben, sondern auf mich selbst.

Was löst die Tat des anderen in mir aus? Warum kränkt sie mich so? Und wieviel Zeit habe ich schon verloren, weil ich mich darüber geärgert habe? Denn nur wenn ich das mir widerfahrene Unrecht und den Schmerz anerkenne, kann ich ihn verwandeln und den Weg zur inneren Selbstheilung betreten. 

Das heißt: Wenn ich mein Leben statt mit Wut und Hass auf den anderen mit gesunder Selbstliebe betrachte, schaffe ich die Grundlage dafür, dass ich den Groll hinter mir lassen und mich aus dem Gefängnis meiner negativen Emotionen befreien kann. Ich werde vom passiven Opfer meines Unglücks zu einer aktiv handelnden Person, die nicht mehr in ihrer Empörung feststeckt. 

Mehr noch: Indem ich dem anderen seine Schuld nicht mehr hinterhertrage, kann ich wieder meinen eigenen Weg gehen. Indem ich meinen Schmerz ziehen lasse, ist wieder mehr Platz für das Schöne und Gute in meinem Leben.

Gottes Gnade gibt es gratis 

Spannend ist, dass wir uns oft gar nicht bewusst machen, wie sehr das christliche Weltbild von genau diesem Gedanken der Vergebung geprägt ist. Immerhin beten Glaubende seit 2 000 Jahren im Vaterunser regelmäßig: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Oder wie es im Epheserbrief (4,32) heißt: „Seid freundlich und barmherzig und vergebt einander, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat“. 

Hier blitzt ein Kerngedanke der biblischen Botschaft auf: Wenn der Mensch von Gott das bekäme, was er verdient, wenn Gott also wie wir nach dem Prinzip Vergeltung handeln würde, dann sähe es nicht gut für uns aus. Aber die Bibel macht klar:

Gnade ist eine Charaktereigenschaft Gottes. Ein Geschenk an die Menschen – und absolut kostenlos. 

Deshalb stammt unser Wort „gratis“ von dem lateinischen Wort für Gnade ab: Gratia. Weil Gnade eben nichts kostet. Und weil man sie auch gar nicht bezahlen könnte. Wir können und brauchen nichts tun, um Gott gnädig zu stimmen. Die Botschaft dahinter ist atemberaubend: Gott liebt die Menschen und vergibt ihnen gern.  

Aus der Gnade Gottes lebt es sich leichter 

Wer dieses grundsätzliche Ja Gottes zu seinem Leben annimmt, den können die Neins dieser Welt nicht mehr aus der Bahn werfen.

Ja, wer glauben kann, dass Gott ihn bedingungslos liebt, der hat es gar nicht mehr nötig, sich und anderen etwas zu beweisen.

Das bedeutet auch: Endlich weg mit dem Leistungsdruck, der ewigen Suche nach Selbstbestätigung und der Versagensangst. Mit anderen Worten: Einen Menschen mit einem gesunden, vom Himmel geschenkten Selbstwertgefühl, den kann man nur schwer kränken. Und unser Gekränkt-Sein ist ja ein entscheidender Auslöser für den Geist der Vergeltung.

Ein Mensch dagegen, der in sich ruht, kommt gar nicht erst auf die Idee, dass ein anderer Mensch grundsätzlich ein Irrtum der Schöpfung sein könnte – selbst, wenn derjenige sich in einer Weise verhalten hat, die er als Angriff empfindet. 

Vergebung als Lebensstil 

Insofern ist es eines, zu lernen, wie wir Verletzungen hinter uns lassen und vergeben können; viel wichtiger ist aber die Frage, wie es uns gelingt, ein Lebensfundament zu entwickeln, bei dem uns die Stürme des Daseins  – und die damit zusammenhängenden Verletzungen – gar nicht erst aus der Bahn werfen.  

Martin Luther King war sich deshalb sicher: „Vergebung ist keine einmalige Sache. Vergebung ist ein Lebensstil.“ Wer glauben kann, dass er bedingungslos geliebt wird und dass ihm seine Fehler vergeben werden, der kann auch selbst vergeben und gnädig sein. Und wird dadurch fähig zur Versöhnung. 

Was das bedeutet, macht Jesus eindrücklich im Gleichnis vom Hausbau deutlich:

„Wer auf das hört, was ich gesagt habe, und danach handelt, der ist klug – wie ein Mensch, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser kommt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist. Wer sich meine Worte nur anhört, aber nicht danach lebt, der ist wie einer, der sein Haus auf Sand baut. Wenn ein Wolkenbruch kommt, die Flüsse über ihre Ufer treten und der Sturm um das Haus tobt, wird es einstürzen“ (Matthäus 7,24-27). 

Spannend ist hier: Die Stürme des Lebens treffen beide – die Klugen und die Törichten. Das heißt auch: Beide erleben Verletzungen, Kränkungen, Ungerechtigkeiten und Anfeindungen. Beide leiden darunter, dass sie von anderen schlecht behandelt werden.

Aber die einen werden von diesen Erfahrungen umgehauen, sie versinken in den Fluten aus Groll, Wut und Schmerz und sehen überall nur noch das Böse, das um sie herum tobt.

Die anderen hingegen bleiben aufrecht stehen, weil sie gelernt haben, wie Jesus zu verzeihen und zur Versöhnung bereit zu sein. Das ist ein wahrer Segen!

 

Fabian Vogt


Gerne stellen wir Ihnen unsere Inhalte zur Verfügung. Und würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende fördern. Herzlichen Dank! Jetzt spenden

Quelle: Verzeihen Sie bitte!

von youthweb

 0 Kommentare

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Vergebung

Jeremia3134

Kennst du das auch? Zwar bin ich ein lebendiges Kind Gottes, aber wie oft scheitere ich an meinen festgefahrenen Gewohnheiten und Verhaltensweisen. Wie oft bin ich wieder einmal niedergeschlagen, weil ich mich an Gott versündigt habe. Wie oft habe ich M…

4 Kommentare