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Gesehen statt bloßgestellt

erstellt am 24.11.2025 00:00:00

Jesu Blick stellt nicht bloß, sondern gibt Würde zurück. Das kann auch unseren Umgang mit anderen prägen: Menschen wahrnehmen, respektvoll bleiben, einander helfen.

Es gibt bestimmte Arztpraxen, da ereignet sich ein erstaunliches Phänomen: Sobald ich durch die Tür trete, scheine ich mich temporär in Luft aufzulösen. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum die Arzthelferin an der Anmeldung minutenlang auf ihrem Computer weitertippt, ohne mich überhaupt nur anzusehen.

In einer anderen Situation hingegen hat mich ein Arzt wegen einer Frage zur Schnecke gemacht. Die Tür stand offen, und im vollen Warteraum konnten alle mithören, für wie blöd er mich hielt. 

Es ist ein tiefes menschliches Bedürfnis, von anderen wahrgenommen zu werden. Doch zugleich fürchten wir uns auch davor, öffentlich bloßgestellt zu werden.

Wie kann dieser Spagat in unserem Miteinander gelingen?

Der Schrei nach Aufmerksamkeit

Im Markusevangelium wird eine Szene beschrieben, die genau diese Spannung aufgreift: Jesus will die Stadt Jericho verlassen. Er ist von Menschen umringt, alles drängelt und schubst. Zu dieser Zeit war Jericho eine kleine, aber durchaus wohlhabende Stadt und lag an einer Handelsroute. Vielleicht saß Bartimäus deshalb genau dort am Straßenrand. Der blinde Bettler hoffte auf Almosen und war es zugleich gewohnt, wenig beachtet zu werden.

Doch an diesem Tag hat er nur ein Ziel – Jesus auf sich aufmerksam zu machen: „Als er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, der da vorbeikam, fing er an, laut zu rufen: »Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!« 48 Viele fuhren ihn an, er solle still sein; aber er schrie nur noch lauter: »Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ (Markus 10,47-48).

Bartimäus riskiert, sich lächerlich zu machen. Aber es ist ihm egal, dass sein Verhalten den anderen Menschen unangenehm oder sogar peinlich ist – Hauptsache, Jesus sieht ihn. Er lässt sich nicht entmutigen. Seine Verzweiflung ist größer als die Angst vor öffentlicher Bloßstellung. 

„Heraufgewürdigt“ statt herabgewürdigt 

Was tut Jesus? Er bleibt stehen. Er unterbricht seinen Weg und nimmt sich Zeit für Bartimäus. Er ruft ihn zu sich und fragt: „Was möchtest du von mir?“

Ich bewundere, wie sehr Jesus mit Bartimäus auf Augenhöhe geht. Andere Rabbis hätten den schreienden, halbnackten Bettler vermutlich ignoriert oder sich über sein aufdringliches Verhalten geärgert und ihn vor aller Ohren zurechtgewiesen. Nicht so Jesus. 

Jesus übergeht die Peinlichkeit des Moments. Anstatt Bartimäus zu kritisieren, würdigt er seine Beharrlichkeit. 

Ich bin sicher, dass Jesus auch mich – und dich – mit derselben Freundlichkeit anschaut wie Bartimäus. Er macht uns nicht lächerlich, wenn wir schwach sind oder Hilfe brauchen. Vielmehr nimmt er uns mit unseren Nöten ernst. Wenn wir uns an ihn wenden, geschieht keine Herabwürdigung, sondern eine „Heraufwürdigung“ – eine Bestätigung unserer menschlichen Würde.

Wie begegne ich anderen Menschen?

Für mich ist das eine Ermutigung, auch meinen eigenen Blick auf andere zu verändern. Zum einen versuche ich im Alltag, Menschen bewusster wahrzunehmen – und mit kleinen Mikrogesten zu helfen: eine Mülltonne auf dem Gehweg zur Seite schieben, damit die Erstklässler nicht auf der Straße laufen müssen. Im Supermarkt etwas aus einem höheren Regal anreichen. Eine Autofahrerin vor mir im Stadtverkehr einfädeln lassen.

Zum anderen versuche ich darauf zu achten, andere Menschen nicht bloßzustellen. Besonders in asiatischen Kulturen ist das ein fundamentales Gebot der Höflichkeit. In Deutschland kommunizieren wir hingegen gerne sehr direkt und weisen andere auch öffentlich auf ihre Schwächen hin. Und in den Sozialen Medien scheinen auch die letzten Hemmungen zu fallen.

Natürlich muss es möglich sein, über Konflikte zu sprechen oder unterschiedliche Meinungen auszutauschen, doch wie sagt man so schön: Der Ton macht die Musik.

Von daher könnte ein wenig mehr „asiatische Höflichkeit“ viele Situationen entschärfen. 

Kleine Gesten für mehr Würde 

Drei kleine Impulsfragen für heute:

  • Wen habe ich heute übersehen? Gibt es jemanden, bei dem ich morgen bewusst stehen bleiben will?
  • Wen habe ich (vielleicht unabsichtlich) beschämt – und wie kann ich das wieder gutmachen?
  • Wen habe ich heute in seiner Würde bestärkt – und woran habe ich das gemerkt? 


Mein Vater hatte übrigens auch jahrzehntelang eine Arztpraxis. Bei ihm wurde jeder Hereinkommende von den Arzthelferinnen direkt begrüßt – egal, wie beschäftigt sie gerade waren. 

So braucht es auch für uns im Alltag keine großen Gesten, um Menschen zu sehen und ihre Würde zu respektieren. Oft reicht ein kleiner Moment der Aufmerksamkeit. Wer so handelt, macht den Alltag ein Stück menschlicher – für sich selbst und für andere.

 

Theresa Folger


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Quelle: Gesehen statt bloßgestellt

von youthweb

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