© Edition Wortschatz
„Ich widme dieses Buch den Hunderten von Frauen, Männern und Kindern, die ich durch meine Arbeit kennengelernt habe. Dies ist mein Versuch, eure Realität zu beschreiben.“ Mit diesen Worten eröffnet der schwedische Kriminalkommissar Simon Häggström sein Buch „Auf der Seite der Frauen – Als Ermittler im schwedischen Rotlichtmilieu“.
Das Buch ist ein eindringliches Zeugnis seiner jahrelangen Arbeit im Rotlichtmilieu. Häggström schreibt darin über das, was hinter dem anonymen und sachlichen Begriff „Prostitution“ steht. Er zeigt Menschen mit bewegenden und oft erschütternden Schicksalen. Dazu gehören Lovisa, die heroinabhängig auf der Straße lebt und mit ihrem Baby Freier trifft, und Bella, die von einem „Loverboy“ in die Prostitution gedrängt wurde.
Mit großem Respekt gegenüber den Betroffenen und der Haltung eines Polizisten, der hinhört, fordert Häggström dazu heraus, gängige Perspektiven zu hinterfragen – und neu hinzusehen.
Der Ermittler als Erzähler
Simon Häggström ist Ermittler in einer Spezialeinheit der Stockholmer Polizei, die sich mit Fällen von Prostitution befasst. Dort arbeitet er seit über zehn Jahren. In seinem Buch erzählt er von Begegnungen mit Frauen, die aus Not, Abhängigkeit oder Zwang als Prostituierte arbeiten.
Dabei verbindet er persönliche Eindrücke mit konkreten Fallgeschichten aus seiner polizeilichen Arbeit. Er folgt keiner strikten Chronologie, sondern erzählt in Episoden – mal fokussiert auf einzelne Begegnungen, mal thematisch gegliedert.
Häggström berichtet von jungen Frauen aus Osteuropa, von Abhängigen in den Straßen Stockholms, von ersten Gesprächen bei Einsätzen, aber auch von Momenten des Zweifelns, der Wut, des Mitgefühls.
Seine Perspektive als Polizist ist dabei stets präsent, aber nie distanziert: Häggström reflektiert sein eigenes Erleben, seine Reaktionen und Grenzen. Sein christlicher Glaube spielt dabei zwar keine zentrale Rolle, ist aber als Hintergrundhaltung spürbar.
So vertritt er ganz klar die Überzeugung, dass jeder Mensch unabhängig von seinen Lebensumständen Würde und einen unantastbaren Wert hat. Auch treibt ihn die Hoffnung auf Veränderung an, selbst in aussichtslosen Situationen.
Zwischen Realität und Menschenwürde
In Schweden gilt seit 1999 das sogenannte Nordische Modell: Der Kauf sexueller Dienstleistungen ist dort strafbar, der Verkauf jedoch nicht. Dieses Gesetz lenkt den Blick weg von der Frage „Warum macht sie das?“ hin zu „Was gibt jemandem das Recht, Sex zu kaufen?“
Diese Haltung prägt auch Häggströms Arbeit: Er will Frauen in der Prostitution nicht bestrafen, sondern schützen. In seinem Buch räumt er mit verbreiteten Mythen rund um das Nordische Modell auf. So begegnet er den Einwänden, das Gesetz dränge Prostitution nur in den Untergrund oder nehme Frauen ihre Existenzgrundlage, mit konkreten Gegenbeispielen und Erfahrungswerten.
Zugleich verschweigt Häggström nicht, dass auch in Schweden viele Frauen weiterhin unter prekären Bedingungen leben.
Seine Erfahrungen zeigen: Ein Gesetz allein löst die sozialen Ursachen von Prostitution nicht.
Dennoch beschreibt Häggström, wie das schwedische System versucht, betroffenen Frauen Wege aus der Prostitution zu eröffnen: etwa durch begleitende Sozialarbeit bei Polizeieinsätzen, durch Beratung und konkrete Hilfe. Im Mittelpunkt steht dabei, die Würde der Betroffenen zu wahren und ihnen echte Alternativen zur Prostitution zu eröffnen – beruflich wie persönlich.
Er stellt zudem kritische Fragen an gesellschaftliche und rechtliche Strukturen in Ländern wie Deutschland, in denen Prostitution legal ist. Häggström fordert dazu auf, diese Systeme zu hinterfragen – und richtet sich damit sowohl an politische Entscheidungsträger als auch an Interessierte, die für Veränderung sensibel werden möchten. Seine Kritik ist sachlich und respektvoll, verliert dabei aber nie an Dringlichkeit.
Sprache, die sichtbar macht
Was dieses Buch gegenüber anderen Berichten besonders macht, ist seine Sprache. Häggström schreibt einfach und klar. Er ist ganz nah an den Geschichten der Frauen dran, die er vorstellt. Ohne Sensationslust oder Verurteilung, aber mit genauer Beobachtungsgabe sowie großer Ernsthaftigkeit und Achtung beschreibt er ihren Alltag. Dadurch macht er sichtbar, was sonst oft im Verborgenen bleibt.
So berichtet er etwa von Lovisa, die in das Leben auf der Straße hineingeboren wurde. Sie hatte nie die Chance auf einen anderen Start ins Leben. Sie ist nur eine von vielen Frauen, deren Geschichten zeigen, wie komplex, verletzlich und vielschichtig die Realität hinter der Fassade ist.
Häggström verzichtet in seinem Buch bewusst aufs Moralisieren. Ihm geht es nicht darum, zu urteilen – sondern darum, wachzurütteln.
Ein Buch, das bleibt
„Auf der Seite der Frauen“ ist kein leichtes Buch. Genau das macht es so wichtig. Wer bereit ist, sich auf ein schwieriges, oft übersehenes Thema einzulassen, findet darin authentische Einblicke ins Rotlichtmilieu. Das Buch hilft, hinzusehen, wo wir sonst vielleicht lieber wegschauen.
Es ermutigt dazu, sich auf die Sichtweisen der Betroffenen einzulassen – und darüber nachzudenken, wie ein gerechterer und menschlicherer Umgang mit Prostituierten und Sexarbeitenden aussehen könnte.
Es ist ein leises, aber klares Plädoyer für Mitgefühl, Verantwortung – und für den Schutz der Würde jedes einzelnen Menschen.
Ein Buch, das man nicht nebenbei liest – aber eines, das bleibt.
Joemi Winkel
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Quelle: Auf der Seite der Frauen