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Sühne – mit diesem Wort können viele Menschen heutzutage wenig bis nichts mehr anfangen. Und etliche, die sich mit dem Christentum beschäftigen, stellen sich die Frage: „Warum musste Jesus eigentlich sterben? Geht es nicht auch ohne diesen brutalen Kreuzestod?“
„Die Kraft des Kreuzes: Warum der Tod Jesu die größte Chance unseres Lebens ist“ ist der Titel eines Buches, das die Theologin Frauke Bielefeldt gemeinsam mit anderen Fachleuten herausgegeben hat. Im Interview mit Hanna Willhelm berichtet sie aus theologischer Sicht und persönlicher Erfahrung, was das Geschehen an Karfreitag für sie bedeutet und wie sie die Kraft des Kreuzes in ihrem Alltag erlebt.
ERF: Viele Menschen fragen sich, warum Jesus Christus qualvoll am Kreuz sterben musste, und ob es wirklich nötig ist, dass ein anderer für ihre Schuld stirbt. Wie war das für dich, wie bist du zu diesem Glauben gekommen?
Frauke Bielefeldt (Copyright: Ines Weber)
Frauke Bielefeldt: Ich komme aus einem nicht-christlichen Umfeld. Ich habe die Botschaft des Evangeliums lange nicht gekannt. Als Teenie habe ich dann in einem Jugendkreis erlebt, dass Jugendliche das geglaubt haben: Jesus ist für dich gestorben. Das hat bei mir eingeschlagen und ich habe verstanden, dass Jesus dort die Brücke zu Gott gebaut hat. Ich habe damit nicht gerungen, ich war eher beeindruckt davon.
Was bedeuten Begriffe wie Sünde und Sühne?
ERF: Mit dem Sterben Jesu am Kreuz sind Worte verbunden, die in unserem heutigen Sprachgebrauch nicht mehr geläufig sind. Worte wie Sünde und Sühne. Wie würdest du diese Begriffe erklären?
Frauke Bielefeldt: Sühne bedeutet, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass irgendetwas kaputt gegangen ist, beziehungsweise von jemand kaputt gemacht wurde und dass etwas passieren muss, um es wieder in Ordnung zu bringen. Die klassische Variante davon sind Opfer, die es in sehr vielen Religionen gibt. Im Alten Testament war das sehr klar und nüchtern geregelt. Es ist die Vorstellung, dass etwas entweder in Ordnung gebracht oder eine Trennung überwunden wird.
Das ist für mich ein hilfreiches Bild: Es reicht nicht, wenn ich ab sofort keinen neuen Dreck produziere. Dann ist der alte ja immer noch da.
Und das ist eben dieses Großartige von Jesus am Kreuz: Er hat alles, was im Raum steht, was unser Verhältnis zu Gott schwierig macht und uns von ihm trennt, wirklich weggenommen.
ERF: Was ist Sünde und warum muss sie gesühnt werden?
Frauke Bielefeld: Der Begriff Sünde ist uns heute relativ fremd geworden. Wir haben kaum noch ein Bewusstsein dafür, wie kaputt unsere Welt ist. Es ist hilfreich, hier nicht gleich beim Einzelnen anzusetzen, denn dann kommen schnell Abwehrreaktionen, wie „Ich habe doch Gründe, warum ich so gehandelt habe“. Aber wenn wir uns die ganze Welt angucken, sieht jeder, dass vieles im Argen liegt.
Wir reden heute oft davon, dass Menschen Opfer sind – und dann muss ja irgendjemand auch Täter sein. Um das alles geht es, wenn wir von Sünde sprechen. Das Wort Sünde kommt von Sund. Es ist die Bezeichnung für einen tiefen Graben zwischen Menschen untereinander, aber vor allen Dingen auch zwischen Mensch und Gott. Es geht also nicht so sehr um eine einzelne moralische Tat.
„Wenn wir eines Tages vor Gott stehen, werden wir alle erschrecken“
ERF: Sünde betrifft uns Menschen also als Gesamtheit und die einzelnen Sünden, die wir täglich begehen, sind bloß Ausdruck dieser Trennung zwischen Mensch und Gott. Im Alten Testament musste ein Tier geopfert werden, damit der Mensch wieder mit Gott versöhnt wird. Nun bezeichnet die Bibel Jesus als Opferlamm für unsere Schuld. Warum ist Jesus als Opfer so zwingend notwendig?
Frauke Bielefeldt: Jesus bezeichnet sich selbst als Lösegeld. Wir sagen ja auch manchmal: Er hat für meine Schuld bezahlt. Ein Lösegeld zahlt man, damit jemand, der gefangen ist, wieder freikommt.
Das ist eine weitere wichtige Dimension: Wir Menschen sind laut Bibel nicht frei. Wir stehen unter so vielen Einflüssen, die uns nicht zum Guten führen. Und da sagt Jesus: Ich will euch befreien und dafür muss ein Preis auf den Tisch gelegt werden.
Sühne und Lösegeld sind beides Bilder dafür, dass Jesus sich für uns hingibt.
ERF: Bei der Frage nach der Vergebung geht es ja auch um Gerechtigkeit. Gott wird eines Tages gerecht richten. Das ist einerseits tröstlich, heißt aber andererseits auch, er wird auch mich gerecht richten. Das hilft vielleicht zu verstehen, warum Gott über Schuld nicht einfach so hinwegsieht, sondern warum dieses Lösegeld notwendig ist, damit Gerechtigkeit wiederhergestellt werden kann.
Frauke Bielefeldt: Genau. Es ist unterschiedlich, wie fein Menschen in ihrem Gewissen sind, aber ich glaube, wenn wir einst vor Gott stehen und wirklich die Masken fallen, dann werden wir uns alle erschrecken und dann werden wir heilfroh sein, dass Jesus sich für uns in die Bresche gestellt hat.
Der Kreuzestod von Jesus bleibt ein Ärgernis
ERF: Mir fällt oft auf, dass sich in Filmen einer für das Wohl der Gruppe opfert. In einem animierten Kinderfilm stirbt der Leitvogel, damit die anderen Zugvögel aus einer gefährlichen Situation in die Freiheit kommen. Das ist ein schönes Bild, das mir hilft, den Begriff Opfer besser anzunehmen.
Frauke Bielefeldt: Mich wundert es, wenn Leute das Narrativ vom Kreuzestod Jesu verändern wollen. Wenn ich sage: „Das kann nicht Gottes Wille gewesen sein“, dann lande ich bei einem Gott, der zu schwach war, Jesus zu helfen oder dem es zu gleichgültig war. Ich bekomme das Ärgernis nicht weg, dass dieser Tod grausam war.
ERF: Duch den Tod Jesu am Kreuz soll es zur Versöhnung zwischen Gott und Mensch kommen. Was bedeutet es denn, dass Gott und Mensch miteinander versöhnt werden müssen?
Frauke Bielefeldt: Es geht nicht darum, dass Gott Geschichten mag, in denen Menschen sterben müssen, sondern er hat gerade seinen Sohn gegeben, damit Menschen eben nicht irgendetwas Grausames erleben. Es macht mich traurig, dass es heutzutage für viele Menschen so schwer zu akzeptieren ist, dass Gott ihnen dieses große Geschenk macht.
Gott hat sich ja nicht irgendeinen Menschen rausgezupft, der für die anderen hinhalten muss. Jesus kommt von Gott. Jesus ist wirklich selbst Gott und er selbst schmeißt sich in diese Bresche für uns, damit wir den Weg zu ihm finden. Ich finde das Bild vom Tempel ganz hilfreich. Damals durfte niemand in das Allerheiligste, außer der Hohepriester einmal im Jahr mit diesen großen Opfern.
Der heilige Geist: Eine bleibende Gottesstation im eigenen Herzen
ERF: Bei dem Geschehen am Kreuz geht es also darum, dass eine Beziehung zwischen Gott und Menschen möglich wird. Ob man das nun glaubt oder nicht, es bleibt die Frage: Wie kann Jesus ein Opfer stellvertretend für mich bringen? Wie wird das, was er getan hat, für mich wirksam?
Frauke Bielefeldt: Weil Gott in Jesus Mensch wird, kann er die Menschheit vertreten. Ich denke, es ist das Gleiche wie bei den Opfertieren. Die standen ja auch stellvertretend für die Menschen. Und so macht es Jesus eben auch, er bringt als Stellvertreter für uns dieses Opfer.
ERF: Was passiert denn mit mir, wenn ich dieses stellvertretende Opfer von Jesus für mich persönlich annehme? Was verändert sich da?
Frauke Bielefeldt: Ich trete dadurch in eine persönliche Beziehung mit Gott ein. Das erlebt jeder Mensch ein bisschen anders. Bei mir war es so: Ich war als Teenie an einem Punkt, an dem ich gesagt habe: „Gott, ich will jetzt auch mit dir leben. Danke, dass du das durch Jesus möglich gemacht hast.“ Nachdem ich das ausgesprochen hatte, habe ich eine solche Freude empfunden, das war richtig krass.
Theologisch kann man sagen, dann kommt der Heilige Geist in mein Herz. Im Neuen Testament steht die Verheißung, dass dieser Geist wirklich in mir Wohnung nimmt.
Der bleibt in mir. Der ist so eine bleibende Gottesstation im Herzen. Und das hat unendlich viele Auswirkungen, so unendlich verschieden unsere Leben sind.
ERF: Wir bekommen also quasi eine neue Identität, wenn wir diese Beziehung eingehen?
Frauke Bielefeldt: Genau. Jesus sagt ja auch, dass er uns zum Vater bringt. Gott als Vater zu erleben, das geht nur über den Sohn und dadurch, dass wir zu Kindern Gottes ernannt werden.
Gott trägt am Kreuz auch Leid und Krankheit
ERF: Du hast in dem Buch „Die Kraft des Kreuzes“ selbst ein Kapitel geschrieben über das Leiden von Jesus und von uns. Dabei gehst Du auf die Darstellung der Kreuzigung auf dem Isenheimer Altar ein, die Jesus ganz zerbrochen und voller Geschwüre zeigt. Warum?
Frauke Bielefeldt: Der Altar stand im Kloster Isenheim, damals das Zentralkloster von einem Spitalorden, der extra für eine furchtbare Krankheit errichtet worden war, die im Mittelalter grassierte. Und Jesus ist auf diesem Altarbild so dargestellt, dass er sichtbar die Symptome dieser Krankheit trägt. Man muss sich vorstellen, dieser Altar steht in einem Raum, der damals voller Kranker war. Die haben sich Jesus angeguckt, der genauso leidet wie sie. Das ist mir durch und durch gegangen.
Das ist auch meine Theologie, dass Jesus am Kreuz eben alles getragen hat: Die Schuld der Welt und damit auch alle Krankheiten und alles Leid. Matthias Grünewald hat sich mit dieser Darstellung am Johannesevangelium ausgerichtet. Da heißt es am Anfang, dass das Lamm Gottes die Sünde der Welt trägt.
Wenn wir Sünde in diesem weiten Zusammenhang verstehen, gilt sein Tragen auch für diesen Zusammenhang: Jesus nimmt alles auf sich, was an dieser Welt schwer zu ertragen ist. Das finde ich so faszinierend an diesem Bild.
ERF: Du hast selbst eine chronische Krankheit, die deinen Alltag einschränkt. Wie erlebst du es da, dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus deine Krankheit trägt?
Frauke Bielefeldt: Es ist diese Solidarität Jesu, die ja auch im Kreuz steckt: Es ist ihm nicht egal, sondern er hat sich sozusagen in unsere Probleme reingeworfen. Ich habe irgendwann angefangen, ganz egal was ich im Leben gerade hatte, immer zum Kreuz zu gehen und zu sagen: Jesus, was bedeutet dein Kreuz für mich in dieser Situation?
Das habe ich auch mit diesem Leidensdruck gemacht. Ich habe oft Schmerz- oder Elendszustände, das ist wirklich schwer auszuhalten. Und da habe ich konkret erlebt, dass Jesus mir in dem Moment Erleichterung schenkt. Die Symptome gehen dadurch nicht weg. Ich habe jedenfalls noch keine konkrete Heilung erlebe, aber ich bin wirklich getragen und leicht. Das ist für mich noch mal eine ganz neue Dimension, ernst zu nehmen, dass Jesus meine Last getragen hat.
Wir haben Anteil an Gottes Herrlichkeit
ERF: Man kann den Isenheimer Altar öffnen. Dann sieht man den auferstandenen Christus, der von einem Lichtkranz umgeben ist. Sein Körper ist vital, kräftig und aufgerichtet, aber er zeigt die Hände, die von den Nägeln durchbohrt worden sind. Was bedeutet dieses Bild der Auferstehung?
Frauke Bielefeldt: Dieses Bild zeigt die Herrlichkeit Gottes, die auch im Verborgenen da ist. Wenn wir uns im Leiden mit Jesus verbinden, haben wir in ihm auch Zugang zu dieser Herrlichkeit Gottes.
Was mich aber auch noch am Kreuzigungsbild fasziniert, ist ein schneeweißes Lamm am Fuß des Kreuzes. Es lächelt fast, aber es ist an der Kehle einmal durchgeschnitten und da läuft das Blut in zwei Strömen heraus und wird in einem Abendmahlskelch aufgefangen.
Das bedeutet: Was dort passiert, wird uns wirklich zum Heil. Und dieses Heil besteht darin, dass wir am Ende des Lebens vor Gott bestehen können.
Aber wir können diese andere Dimension auch jetzt schon in unserem Leben haben, weil wir mit diesem Gott real zusammenleben können.
ERF: Was bedeutet es konkret, dass wir an der Herrlichkeit Gottes Anteil haben können?
Frauke Bielefeldt: Vergebung untereinander konkret erleben zu können, empfinde ich als ein Stück von Gottes Herrlichkeit. Auch die Dimension der Befreiung. Ich kenne das von Freunden, die mit Drogensüchtigen arbeiten oder mit ehemaligen Prostituierten, also mit Menschen, die schweren Missbrauch erlebt haben.
Es ist wirklich Kraft in diesem Kreuz, mit der diese ihr Leben auf eine ganz neue Basis stellen, wirklich innerlich heil werden und konstruktiv ihr Leben aufbauen können. Es ist für jeden Menschen etwas da drin, was sein Leben wirklich heil macht.
Wie hilft Jesus mir bei meiner Schuld?
ERF: Hast du schon mal konkret erlebt, wie die Vergebung von Gott dir eine Last abgenommen hat? Oder hast du einen Rat, wie man diese Vergebung quasi vom Kopf ins Herz bekommen kann?
Frauke Bielefeldt: Ich erlebe das sehr oft, selbst in Kleinigkeiten, die mich in Beziehungen belasten, zum Beispiel, wenn ich lieblos reagiert habe. Dann wende ich mich an Jesus und sage: „Du hast es getragen, danke dafür, bitte vergib mir das“. Oder: „Ich nehme deine Vergebung dafür jetzt auch in Anspruch.“
Ich muss also Jesu Vergebung ernst nehmen und dann erlebe ich konkret, dass es wirklich in meinem Gefühl etwas verändert und mich befreit. Auch das ist ja Befreiung, wenn ich merke: Ich kann es jetzt hinter mir lassen.
ERF: Wie gehst du damit um, zu wissen, dass deine Schuld zwar vergeben ist, aber möglicherweise trotzdem Auswirkungen auf das Leben desjenigen hat, an dem du schuldig geworden bist?
Frauke Bielefeldt: Es ist gut, sich dann auch wirklich zu entschuldigen. Das fällt mir nicht leicht, aber ich übe das. Dem anderen auch wirklich zu sagen: „Das war nicht gut von mir. Es tut mir leid.“
Wir sind nicht perfekt und wir brauchen Gott, um das auszufüllen, was wir nicht können.
Gott ist mittendrin
ERF: Das heißt, Jesu Tod und Auferstehung haben nicht nur eine Auswirkung auf die Ewigkeit, sondern konkret auf mein alltägliches Leben. Da, wo ich Leid erlebe, und da, wo ich schuldig werde. Was verändert sich, wenn ich das wirklich in aller Tiefe verstehe?
Frauke Bielefeldt: Es geht nicht nur darum, dass ich eines Tages vor Gott stehe und gerechtfertigt bin. Es geht auch um das Leben bis dahin. Ich höre immer wieder von Leuten, dass es für sie noch mal etwas Neues ist, wenn sie konkret aufgefordert werden: Lebt das neue Leben in Christus.
Das ist eben das Leben mit dem Heiligen Geist, mit Gottes Möglichkeiten. Es stellt uns in Gemeinschaft, in Gottes Reich, in Gottes Leib. Wir werden Teil von der großen Geschichte Gottes, die so viel größer ist als unser eigenes kleines Leben. Es ist das Rechnen mit Gottes Möglichkeiten und seiner Gegenwart, egal womit ich mich gerade herumschlage.
Gott ist da wirklich mit drin und es macht einen Unterschied, wenn ich die Dinge mit ihm bespreche und ihn mit in mein Leben hineinnehme.
ERF: Kann ich dann sagen: Gott ist mit der gleichen Kraft in meinem Leben am Werk, mit der er die Auferstehung Jesu bewirkt hat?
Frauke Bielefeldt: Ja, und manchmal stellt sich dann eben die Frage, was das genau heißt. Ich lebe seit 35 Jahren mit einer chronischen Erkrankung, die mich wirklich einschränkt. Es ist immer wieder bitter, dass es eben nicht immer zu dieser sichtbaren Heilung kommt. Trotzdem macht Gottes Gegenwart für mich einen riesigen Unterschied.
Ich hatte Jahre, da ging es mir wirklich nicht gut damit, aber Gott erhält mich lebendig, weil er diesen direkten Kanal zu mir hat. Auch wenn ich sehr viel auf dem Sofa liege und kaum noch unter Menschen kann. In solchen Phasen geht von der körperlichen Energie her überhaupt nichts. Trotzdem bin ich nicht einfach abgeschottet, weil Gott immer noch bei mir ist.
Ich möchte jeden Menschen ermutigen, egal um was es geht, sag zu Jesus: „Du bist am Kreuz für mich gestorben. Was bedeutet das für mich in dieser Situation?“ Das ist für jeden Menschen sehr individuell, denn das ist wirklich Gottes persönlicher, lebendiger Umgang mit uns.
ERF: Vielen Dank für das Interview.
Hanna Willhelm
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Quelle: Kreuzestod, Sühne, Opfer