Impulse

Übersicht »

Endlich mehr Ruhe im Alltag

erstellt am 25.03.2025 00:00:00

Viele Menschen erleben ihren Alltag als stressig, voll und laut. Da fällt es häufig schwer, zur Ruhe zu kommen und abzuschalten. Wenn es äußerlich doch einmal ruhig um uns wird, werden in uns die Sorgen laut und das Gedankenkarussell dreht sich. Wie soll man in all dem sich selbst, geschweige denn Gott wahrnehmen?

Auch Delia Holtus hat sich danach gesehnt, zur Ruhe zu kommen und Gott in der Stille zu begegnen. Sie hat festgestellt: Dabei können geistliche Übungen helfen, wie zum Beispiel ein Tagesrückblick am Abend. Dazu hat Delia Holtus ein Buch herausgegeben mit dem Titel „Mein kleines Abendbuch. Mit guten Gedanken und Gebeten zur Ruhe kommen“.

Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sie sich im Alltag Raum für stille Zeiten und Gottesbegegnungen nimmt.

ERF: Unter dem Begriff „Achtsamkeit“ gibt es einen langanhaltenden gesellschaftlichen Trend mit der Absicht, wieder mehr Ruhe und Stille zu erleben. Was glaubst du, woher kommt das?

Delia Holtus: Ich denke, der Zeitgeist ist immer eine Reaktion, eine Gegenbewegung zu einem anderen Trend. Unser Leben ist insbesondere durch die Digitalisierung sehr viel lauter und schneller geworden. Wir sind mit dem Smartphone ständig erreichbar, es piept, es summt, es vibriert und es wird auch oft eine schnelle Reaktion erwartet.

Ich denke, wo Menschen das spüren und anfangen, darunter zu leiden, entsteht eine Gegenbewegung, der Trend weg von der Reizüberflutung hin zur Stille. Es gab vor anderthalb Jahren mal einen Trend auf TikTok, der hieß Silent Walking. Da war es cool und hip, einfach mal einen Spaziergang zu machen ohne Smartphone. Es gibt Supermärkte, die Zeiten anbieten, wo es keine Musik oder Werbung gibt, es gibt Achtsamkeitspfade und so weiter.

Aber viele fragen sich: Was ist Achtsamkeit denn überhaupt? Ist es esoterisch, christlich oder einfach ein säkularer Trend? Achtsamkeit heißt ja erst mal nur, dass ich darauf achte, was ich spüre und fühle; dass ich bewusst mein Leben lebe, einfach mal das Brot wirklich schmecke und nicht nur in mich reinstopfe. Und das kann ich natürlich mit dem christlichen Glauben füllen, muss es aber nicht.

ERF: Der christliche Glaube kennt eine Reihe geistlicher Übungen, die darauf abzielen, diese Achtsamkeit in der Begegnung mit Gott zu leben. Klär uns doch einmal auf: Was genau sind diese geistlichen Übungen?

Delia Holtus: Die Exerzitien – da steckt das englische Wort „exercise“ drin, auf Deutsch „Übung“ – sind ignatianisch geprägte, geistliche Übungen. Ignatius von Loyola war ein Ordensgründer aus dem 16. Jahrhundert. Exerzitien sind Übungen im Sinne von guten Gewohnheiten, die uns helfen, unsere Beziehung zu Gott zu kultivieren, im Glauben zu wachsen und Gottes Gegenwart und sein Wirken in unserem Leben wahrzunehmen.

Dazu gehören verschiedene Methoden des Bibellesens und des Betens, aber auch das Fasten, Feiern, den Ruhetag zu halten und das Schweigen. Das sind alles Praktiken, die wir in der Bibel finden und die schon eine lange Tradition in der Kirchengeschichte haben.

Exerzitien sind Übungen im Sinne von guten Gewohnheiten, die uns helfen, unsere Beziehung zu Gott zu kultivieren und im Glauben zu wachsen.

Es ist auch hilfreich zu schauen, wie Jesus seinen Glauben gelebt hat. Jesus lebte als Mensch auf der Erde und hat seine Beziehung zu seinem himmlischen Vater gepflegt, auch durch geistliche Übungen. Er hat gefastet, ist in die Wüste gegangen, hat die Stille gesucht und sich Zeit genommen, um zu beten.

Erste Erfahrungen mit geistlichen Übungen

ERF: Wie hast du die Exerzitien für dich entdeckt?

Delia Holtus: Vor einigen Jahren habe ich mit meinem Pastor über das Thema Gebet gesprochen. Er hat mir ein Buch ausgeliehen, in dem es um eine tiefere Art des Betens geht. Es heißt „Beten im Pulsschlag des Lebens“ von Willi Lambert. Dadurch bin ich das erste Mal mit den Exerzitien in Berührung gekommen.

Während der Corona-Zeit wollte ich in die USA fliegen, um Freunde zu besuchen, was leider nicht funktioniert hat. Ich habe dann nach einem Alternativplan gesucht. Einige Zeit zuvor hatte ich ein christliches Haus entdeckt, in dem Betrachtungen oder Meditationen online angeboten wurden.

Ich bin auf die Webseite gegangen und habe gesehen, dass sie genau in den zwei Wochen, in denen ich Urlaub hatte, Schnupper-Exerzitien angeboten haben. Ich habe gedacht: Das ist die ideale Gelegenheit, das mal auszuprobieren und kennenzulernen, und habe mitgemacht.

Vier Tage im Schweigen zu verbringen, war sehr aufregend. Ich habe mich im Vorfeld gefragt, wie das sein wird. Es war gar nicht schwer, es fiel mir sehr leicht. Ich hatte spontan einen Zugang zu dieser Art des Betens und Stillseins vor Gott. Ich habe es als gefüllte Stille erlebt. Diese vier Tage haben mein Glaubens- und Gebetsleben verändert.

ERF: Beschreib doch mal, wie solche Exerzitien durchgeführt werden. Schweigt man da einfach nur oder braucht man eine Gebrauchsanleitung?

Delia Holtus: Ja, man braucht schon eine Gebrauchsanleitung, aber die ist überschaubar. Die klassischen ignatianischen Einzelexerzitien haben vier Grundpfeiler. Das Schweigen ist einer davon. Es ist ein durchgehendes Schweigen – mit einer Ausnahme: Das ist ein etwa halbstündiges Gespräch, welches auch der zweite Grundpfeiler ist.

Man hat einen Exerzitien-Begleiter oder eine Begleiterin und führt ein Gespräch am Tag, in dem man bespricht, wie es einem gerade geht. Außerdem macht die Begleitung einen Vorschlag, welchen Bibeltext man als Nächstes lesen kann. Denn Schweigen löst auch intensivere Gefühle aus. Man kann sich traurig fühlen oder einsam, Sorgen können hochkommen und es ist wichtig, damit nicht allein zu sein.

Der dritte Grundpfeiler sind drei bis vier persönlichen Gebetszeiten am Tag, in denen man über den von seiner Begleitung gegebenen Bibeltext oder auch einem Bild beten kann. Im katholischen Raum ist die Eucharistie, also das Abendmahl, auch ein wichtiger Teil – der vierte Grundpfeiler. Wir hatten bei meinen Schnupper-Exerzitien jeden Abend einen Gottesdienst mit Abendmahl. Das habe ich sehr geschätzt.

Exerzitien leicht gemacht

ERF: Du hast damals an einem Exerzitien-Kurs teilgenommen und dir extra ein paar Tage dafür freigenommen. Aber es gibt auch sogenannte Alltags-Exerzitien, die man, wie der Name sagt, in seinen Alltag integrieren kann. Wie baust du diese Praktiken in deinen Alltag ein?

Delia Holtus: Ich habe einiges ausprobiert. Mehrere Jahre lang habe ich morgens eine ignatianisch geprägte Gebetszeit gemacht, in der ich eine halbe Stunde lang auf diese Art gebetet habe.

Im letzten Jahr war mein Leben ein bisschen stürmisch. Ich habe den Arbeitsplatz gewechselt und in dieser Zeit sind auch einige meiner Gewohnheiten durcheinandergeraten, sodass die ignatianische Gebetszeit nicht mehr zu meinem Alltag passte. Das hat mich erst ein bisschen beunruhigt, aber ich habe eine tolle geistliche Begleitung, mit der ich die Veränderungen in meinem Gebetsleben reflektieren konnte.

Ich habe gemerkt, dass der Tagesrückblick, also das Zurückschauen auf den Tag und darin Gott finden, für mich zurzeit wichtiger geworden ist. Oder auch einfach vor Gott still zu sein ohne Absicht. Im letzten Jahr hat Gott mir auch immer wieder Musik ins Herz gelegt, um durch ein Lied zu mir zu sprechen.

Längere Zeiten der Stille suche ich aber mindestens einmal im Jahr. Die normalen Exerzitien gehen schon so sieben bis zehn Tage. Da kommt man anders zur Ruhe als in drei oder vier Tagen. Das habe ich in den letzten Jahren regelmäßig gemacht.

ERF: Wie kann man als Anfänger ganz leicht mit Exerzitien beginnen?

Delia Holtus: Ich empfehle natürlich das Buch, das ich als Erstes gelesen habe. Es gibt auch viele andere tolle Bücher, die an das Thema heranführen.

Ich empfehle auch, einmal Schnupper-Exerzitien mitzumachen oder Stille-Seminare. Es gibt auch andere Formen von geistlichen Übungen. Gerade in der Passionszeit, der Zeit vor Ostern, werden in vielen Gemeinden – evangelisch wie auch katholisch oder freikirchlich – Alltagsexerzitien angeboten.

Ja, ich würde sagen: Einfach mal ausprobieren! Liegt mir das oder liegt es mir nicht? Das ist auch okay. Oder vielleicht ist jetzt noch nicht die richtige Zeit, aber vielleicht in zwei Jahren.

Am Abend zur Ruhe kommen

ERF: Du pflegst in deinem Alltag vor allem die Abendroutine. Was ist dir daran besonders wichtig?

Delia Holtus: Laut Ignatius von Loyola ist der Tagesrückblick die wichtigste Viertelstunde des Tages. Wenn du von allen geistlichen Übungen nur eine einzige wählen könntest, dann empfiehlt er den Tagesrückblick. Das ist eine Übung, die man gut in den Alltag integrieren kann. Es geht darum, sich abends eine Viertelstunde Zeit zu nehmen und mit Gott zusammen auf die vergangenen 24 Stunden zurückzublicken und ihn um einen ehrlichen Blick auf den Tag bitten.

Viele Menschen machen den Tagesrückblick am Abend, für andere kommt das vielleicht nicht in Frage und sie sagen sich: „Abends falle ich nur noch komplett müde ins Bett.“ Dann kann man den Tagesrückblick auch mittags machen und auf die vergangenen 24 Stunden zurückblicken.

Wenn ich Rückblick halte, frage ich mich: Was war schön, wofür bin ich dankbar? Was ist mir gelungen, was war vielleicht auch schwer? Wo sind Sorgen und Ängste, die ich nicht wegschieben, sondern in Gottes Licht anschauen und dann auch an ihn abgeben möchte? Wo bin ich verletzt worden? Wo habe ich vielleicht andere verletzt? Welche Schuld möchte ich vor Gott bringen und wofür um Vergebung bitten?

Gibt es etwas, das ich mir an diesem Tag anders gewünscht hätte? Kann ich mich damit versöhnen, sodass ich nicht mit dieser Last im Herzen schlafen gehen muss, sondern mit meinem Tag und meinem Leben, wie es jetzt gerade ist, versöhnt bin und mit Zuversicht und Hoffnung ins Morgen gehen kann?

ERF: Dabei kommt wahrscheinlich auch viel Unbewusstes und Unverdautes hoch, das man sonst verdrängt oder betäubt oder nicht einmal bemerkt, dass es da ist.

Delia Holtus: Ja, das ist wirklich der Gewinn der Stille. Wir sind so überflutet von Reizen, dass wir vieles gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Gerade auch unangenehme Gefühle wie Angst, Ärger oder Traurigkeit wollen wir gar nicht so gern spüren und schieben sie dann oft weg.

Deswegen ist Stille nicht immer angenehm, weil da auch Gedanken hochkommen, die nicht so schön sind. Aber ich denke mir: Sie sind ja trotzdem da, sie werden oft nur überdeckt.

Stattdessen ist es viel heilsamer, einfach mal wahrzunehmen, was da ist, es zu benennen und da sein zu lassen. Dann ist es aber auch wichtig, einen inneren Abstand zu gewinnen und zu sagen: Das gebe ich jetzt an Gott ab. Ich kann dann versöhnt damit sein, es annehmen und muss es nicht immer wieder verleugnen.

Wenn Ruhelosigkeit uns den Schlaf raubt

ERF: Die Ruhelosigkeit äußert sich bei vielen Menschen darin, dass sie nachts nicht mehr schlafen können oder nur noch sehr schlecht.

Delia Holtus: Ja, es ist tatsächlich so, dass die Tendenz steigt. Viele Menschen haben Einschlafschwierigkeiten bis hin zu behandlungsbedürftigen Schlafstörungen. Das heißt, dass sie über einen längeren Zeitraum mehrmals in der Woche entweder lange brauchen, um einzuschlafen, oder nicht durchschlafen können oder morgens viel früher aufwachen, also schon ein oder zwei Stunden vor dem Weckerklingeln.

Es ist natürlich kein Wundermittel, aber es ist allgemein bekannt, dass bestimmte Rituale am Abend einen guten Schlaf fördern. Das, was uns wachhält, sind tatsächlich oft Sorgen, unruhige Gedanken, die im Kopf kreisen.

ERF: Du sagtest am Anfang, dass Jesus ein Vorbild darin ist, in die Stille zu gehen und zur Ruhe zu kommen. Kannst du ein Beispiel dafür geben?

Delia Holtus: Es gibt von Jesus die bekannte Geschichte, wie er bei einem Sturm auf dem See im Boot schläft. Man fragt sich: Wie ist das überhaupt möglich? Die Jünger sind in Lebensgefahr und haben Angst, aber Jesus schläft seelenruhig, weil er seinem himmlischen Vater voll und ganz vertraut. Ich finde diese Geschichte sehr ermutigend.

Mir ist der Gedanke wichtig geworden, dass es auch eine gewisse Abgabe von Kontrolle ist, wenn wir in den Schlaf gleiten. Wenn wir wach sind, können wir die Dinge kontrollieren – meinen wir zumindest. Aber wenn wir schlafen, verlieren wir die Kontrolle. Aber der Hüter Israels – mein Hüter – schlummert nicht. Gott schlummert und schläft nicht. Er wacht über mir und darum kann ich ruhig schlafen, die Kontrolle aufgeben und ihm vertrauen.

ERF: „Mein kleines Abendbuch“ enthält 40 angeleitete Tagesrückblicke und soll genau dabei helfen, vor dem Zubettgehen Sorgen bei Gott abzugeben und unruhige Gedanken zu sortieren. Welche Tipps gibst du darin?

Delia Holtus: Am Anfang von jedem Tagesrückblick gibt es immer ein gleichbleibendes Gebet. Dann folgt ein kurzer Text aus der Bibel, zum Beispiel aus den Psalmen oder dem Neuen Testament. Danach gibt es drei Fragen, die sich auf den Bibeltext beziehen und helfen sollen, den Tag anzuschauen und mit Gott darüber ins Gespräch zu kommen.

Und dann gibt es ein abschließendes Gebet von verschiedenen Autoren und Autorinnen aus der Kirchengeschichte und Gegenwart. Zwischendrin eingestreut sind noch passende Erfahrungsberichte zu den Themen.

Das Buch ist ein hübsch gestaltetes Geschenkbuch. Es ist als kleine Hilfe gedacht, um eine Abendroutine zu entwickeln, in der man sich 10 bis 15 Minuten Zeit nimmt und in Gottes Gegenwart zur Ruhe kommt, den Tag noch mal anschaut und dann mit guten Gedanken in die Nacht geht.

ERF: Vielen Dank für das Gespräch.

Sonja Kilian


Gerne stellen wir Ihnen unsere Inhalte zur Verfügung. Und würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende fördern. Herzlichen Dank! Jetzt spenden

Quelle: Endlich mehr Ruhe im Alltag

von youthweb

 0 Kommentare

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Vergebung

Jeremia3134

Kennst du das auch? Zwar bin ich ein lebendiges Kind Gottes, aber wie oft scheitere ich an meinen festgefahrenen Gewohnheiten und Verhaltensweisen. Wie oft bin ich wieder einmal niedergeschlagen, weil ich mich an Gott versündigt habe. Wie oft habe ich M…

4 Kommentare