© Tabitha Turner / unsplash.com
Macht hat nicht nur mit Einfluss, sondern auch mit Verantwortung zu tun. Die dunkle Seite der Macht ist verführerisch, manipulativ und zerstörerisch. Aber nicht jeder Leiter wird automatisch zum Machtmenschen. Der ERF hat mit der psychologischen Beraterin Martina Kessler gesprochen.
ERF: Auf der einen Seite heißt Macht Verantwortung übernehmen. Auf der anderen Seite steht der Machtmissbrauch. Ab welchem Punkt fängt für Sie Leitungsverantwortung an zu kippen?
Martina Kessler: Sie kippt dann, wenn Leute die Macht nutzen, um sich selbst zu profilieren. Man kann sehr schön zwischen zwei Typen von Leitern unterscheiden: dem dienenden und dem sich-bedienenden Leiter.
Genau da fängt es an zu kippen: Wenn jemand Macht benutzt, um sich selbst zu bedienen.
ERF: Haben sie Machtmissbrauch schon persönlich erlebt?
Martina Kessler: Das war der Ausgang für die ganze Beschäftigung mit dem Thema. Wir haben Machtmissbrauch in einer Gemeindesituation erlebt und haben nicht verstanden, was überhaupt abläuft. Heute würde man das Ganze mit den Begriffen Mobbing und Burnout bezeichnen.
Wir haben dann später bei einer Konferenz angefangen darüber zu reden und festgestellt: Es gibt ganz viele Parallelen zu Leuten, die ähnliche Situationen erlebt haben. Danach haben wir das Ganze dann systematisch erarbeitet.
ERF: Welche Persönlichkeitsstrukturen sind oft charakteristisch für Täter?
Martina Kessler: Keine! Ich kenne starke Leiter und die werden sehr schnell in diese Ecke gestellt. Aber ich kenne auch die feinen, subtilen Leiter, die Dinge aussitzen. Bei denen hätte man auf den ersten Blick so gar nicht den Eindruck, dass sie Machtmenschen sind.
Freiheitsliebende Leute sind eigentlich am wenigsten gefährdet. Aber rein von den Charaktereigenschaften her halte ich keine Gruppe für mehr oder weniger gefährdet.
Machtmenschen sind unempfänglich für Kritik
ERF: Gibt es denn Symptome oder Warnsignale, die mich darauf aufmerksam machen, dass bei der „Machtausübung“ etwas falsch läuft?
Martina Kessler: Jeder, der Macht hat, missbraucht seine Macht gelegentlich. Das kann einfach im Eifer des Gefechtes passieren. Wenn das so weitergeht, entsteht dann irgendwann meistens eine gewisse Unruhe in der Gruppe. Leute fangen an, Briefe oder Mails zu schreiben. Man merkt, dass da eine Gruppendynamik entsteht.
Ein Problem ist, dass es genügend Leute gibt, die aus einem Machtmissbrauch Gewinn ziehen. Das hört sich erstmal paradox an. Aber die Betroffenen selbst würden gar nicht von Machtmissbrauch sprechen. Im Umfeld eines Machtmenschen kann es schön und eloquent sein. Dort kann man ganz viel Innovation erleben und deshalb den Missbrauch gar nicht sehen. Oder man genießt den Schutz des Machtmenschen so sehr, dass man gar nicht bereit ist, richtig hinzuschauen.
Generell stellen sich die Fragen: Wie häufig tritt Machtmissbrauch auf? Und wie reagiert die Person, wenn man sie darauf aufmerksam macht? Ein guter Leiter übernimmt in der Regel auch die Verantwortung. Es tut ihm leid und er ändert etwas. Der Machtmensch tut das nicht.
Wenn man nach einem Kriterium sucht, ist das beste vermutlich wirklich die Empfänglichkeit gegenüber Kritik. Machtmenschen sind unempfänglich gegen Kritik.
Offen für Kritik bleiben
ERF: Was kann ich tun, wenn ich Opfer von Machtmissbrauch werde? Wie kann ich mich wehren?
Martina Kessler: Ich muss es nicht zulassen. Ich muss meine Grenzen definieren. Das Verrückte ist, dass Machtmenschen umso mehr jemanden verachten, je mehr die Person das mit sich machen lässt. Gleichzeitig steigt ihre Achtung, je mehr man anfängt, Grenzen zu ziehen.
Wenn der Machtmissbrauch allerdings schon fortgeschritten ist, hat man manchmal keine Kraft mehr dafür. Einen wirklichen Machtmissbrauch kann man mit anderen Missbrauchssituationen vergleichen. Die meisten Opfer sind dadurch ausgelaugt. Im Anfangsstadium kann man noch Grenzen definieren. Das führt unter Umständen sogar dazu, dass Machtmenschen ihre Strategie ändern und einen nicht mehr missbrauchen.
ERF: Lässt sich eine Beziehung wieder kitten, wenn es zu einem schwerwiegenden Machtmissbrauch gekommen ist?
Martina Kessler: Wenn es zu einem einzelnen Fall von Machtmissbrauch gekommen ist, dann auf jeden Fall. Jeder von uns macht Fehler, auch Leiter. Wenn der Missbrauch von Macht aber fortwährend ist und man – wie in anderen Missbrauchssituationen – eine Täter-Opferkonstellation vorfindet, dann geht es nicht mehr ums Kitten. Dann geht es für die Leidtragenden häufig nur noch darum: Wie kann ich hier überleben? Wie kann ich hier rauskommen, ohne mir etwas anzutun? So schwerwiegend kann das sein.
Das Problem ist, dass die Täter - also Leute, die machtsüchtig sind - häufig überhaupt keine Einsicht haben über das, was sie getan haben.
In so einem Fall kann man einem Betroffenen nur raten: „Geh da raus. Schütze Dich.“
ERF: Ist die Gefahr von Machtmissbrauch in Gemeinden geringer?
Martina Kessler: Ein Autor hat geschrieben: Machtmissbrauch ist am höchsten im Justizvollzug, in der Politik und in der Kirche. Also insofern: Nix von geringer, sondern eher höher.
ERF: Opfer von Machtmissbrauch sein ist die eine Seite. Aber es heißt nicht umsonst, dass Macht korrumpiert. Wie kann ich das bei mir selbst verhindern?
Martina Kessler: Wichtig ist, dass ich offen bleibe für Kritik. Das ist ein ganz wesentliches Merkmal. Und dass ich mich selbst auch immer wieder überprüfe: Wozu will ich Macht?
Es gibt eine schöne Leitlinie für Macht: Will ich Macht haben, um etwas Gutes zu tun oder um etwas Schlechtes zu verhindern? Daran kann ich mich immer wieder prüfen.
Und man sollte sich ganz bewusst auch Kritik aussetzen: Aber nicht nur den Kritikern, die nett mit mir umgehen, sondern auch mit denen, die nicht so toll finden, was ich tue. Das hält uns einen guten Spiegel vor.
ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.
Claas Kaeseler
Gerne stellen wir Ihnen unsere Inhalte zur Verfügung. Und würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende fördern. Herzlichen Dank! Jetzt spenden
Quelle: „Jeder missbraucht Macht“