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Bevor am 22. März 2020 der erste bundesweite Corona-Lockdown kam, mussten ab dem 16. März 2020 schon Schulen und Kitas schließen. Auch Großveranstaltungen wurden verboten, dazu gehörten auch Gottesdienste in Kirchen.
Seit Ende Januar 2020 war klar: Das Corona-Virus ist in Deutschland angekommen. Die ersten Infizierten wurden isoliert, die Ausbreitung des Virus schien einigermaßen im Griff zu sein. Doch dann kam Karneval und das Virus breitete sich vermehrt aus, bis in allen Bundesländern Ansteckungen gemeldet wurden.
In dieser Situation sah sich die Bundesregierung zum Handeln genötigt und sprach am 16. März 2020 ein Verbot von Gottesdiensten in Präsenz aus.
Eine völlig ungewohnte Situation
Der 16. März war ein Montag. Am Tag davor, am Sonntag, den 15. März, hatten wir bereits nach dem Gottesdienst unserer Kirchengemeinde eine Sondersitzung des Kirchenvorstands, gemeinsam mit der Leitung der Kita und allen Hauptamtlichen der Kirchengemeinde. Das Verbot von Gottesdiensten stand da schon im Raum.
Also haben wir auf Informationen und Handlungsanweisungen aus der Leitung unserer Landeskirche gewartet, hatten zu diesem Zeitpunkt aber auch schon eigene Ideen, wie es mit Gottesdiensten und anderen Dingen, vor allem Beerdigungen und Taufen weitergehen könnte. Im Blick waren da vor allem die Gottesdienste in Senioreneinrichtungen. Wie sich später zeigen sollte, war das einer der ganz schwierigen Punkte.
Doch so richtig wusste noch niemand, wie es jetzt weitergehen sollte und was tatsächlich demnächst erlaubt sein würde und was nicht.
Ich selbst habe an diesem Montag erfahren, dass der Vater einer Mitschülerin unseres ältesten Sohnes positiv auf Corona getestet worden war und musste von da an zuhause bleiben. Ich bin nur noch einmal ins Funkhaus des ERF nach Wetzlar gekommen, um einen Laptop abzuholen.
Plötzlich war ich also im Homeoffice. Ich saß zuhause und habe mich gefragt, wie ich jetzt arbeiten soll. Das war ein sehr merkwürdiges Gefühl.
Das Leben steht still
Wenige Tage später, am 22. März kam dann der völlige Lockdown und das öffentliche Leben kam quasi zum Erliegen. Nach den Schulen und Kitas wurden auch alle Läden, Restaurants, Kinos geschlossen; alles, was nicht lebensnotwendig war. Ausgenommen waren Geschäfte, die lebenswichtige Waren verkauften wie Lebensmittelmärkte, Drogerien und Apotheken. Auch Banken und Tankstellen blieben geöffnet.
Es kam zu Hamsterkäufen von Klopapier und Nudeln. Davon gab es genug. Woran es mangelte, waren Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel. Menschen waren teilweise bereit, horrende Summen für eine einzelne Maske zu zahlen. Als Familie haben wir uns die Masken selbst genäht. Auch Desinfektionsmittel hatten wir ein wenig vorrätig.
Für uns persönlich also kein Problem, aber für viele Menschen und vor allem bestimmte Einrichtungen wie Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen wurde es schwierig. Schon Anfang März berichtete das Krankenhaus Hamburg Eppendorf, dass dort Masken und Desinfektionsmittel gestohlen wurden.
Damals wurden auch neue Helden entdeckt. Die Menschen an den Supermarktkassen, das Personal in Kliniken und von Pflegeeinrichtungen wurden öffentlich beklatscht. Für einen kurzen Moment wurde diesen wirklich wichtigen Berufen die Anerkennung zuteil, die ihnen eigentlich immer gebührt.
Zwischen Angst und Optimismus
Ansonsten schwankten die Menschen zwischen Panik und Sorglosigkeit, zwischen „Wir sind alle in Lebensgefahr“ und „So schlimm wird es schon nicht werden“. Auch in den Kirchengemeinden gab es diese Bandbreite der Einstellungen, dazu kamen noch die Haltungen, dass dieses Virus eine Strafe Gottes sei, und der feste Glauben, dass das Virus wahrhaft gläubigen Menschen nichts anhaben könne. Wie sich herausstellen sollte, war Letzteres ein Irrtum, der Menschen das Leben kostete und Ersteres theologisch betrachtet mehr als fragwürdig.
Jedenfalls gab es einzelne Kirchengemeinden, die sich an das Verbot von Gottesdiensten nicht halten wollten und deren Gottesdienste dann zu sogenannten „Superspreader Events“ wurden. Ein Begriff, den vorher niemand kannte, ähnlich wie „Sieben-Tage-Inzidenz“ oder „vulnerable Gruppen“, zu denen besonders ältere Menschen gehörten.
Online-Angebote als neues „Normal“
Und damit wären wir wieder bei den Kirchen. Denn deren Angebote – wie Gottesdienste und Seelsorge – wurden und werden vor allem von älteren Menschen in Anspruch genommen. Also versuchten die Kirchengemeinden Ideen zu entwickeln, wie es mit diesen Angeboten weitergehen könnte.
Die Lösungen waren Online-Angebote, um die Menschen, die jetzt zuhause sitzen, immer noch zu erreichen – besonders zu Ostern. Denn dieses große kirchliche Fest fiel mitten in den ersten Lockdown, Weihnachten dann in den zweiten. Leider waren aber besonders ältere Menschen nicht online unterwegs und das Angebot ging vielfach an der eigentlichen Zielgruppe vorbei. Dafür entdeckten andere Menschen die Kirche ganz neu.
Neue Möglichkeiten, neue Kontakte
Als Kirchengemeinde haben wir im nächsten Jahr zu Weihnachten, als die Gottesdienste wieder ausgefallen sind, im Advent Menschen zuhause besucht und ihnen persönlich einen Weihnachtsgruß vorbeigebracht. Das war eine spannende Erfahrung. Die Kirche geht zu den Menschen. Viele, die wir besucht haben, fanden das sehr gut. Und es sind sehr persönliche Gespräche entstanden. Die räumliche Trennung hat da tatsächlich Menschen näher zueinander gebracht.
Unsere Kirche hat damals und noch lange nach Corona um 19:30 Uhr die Glocken geläutet, um an die Menschen zu erinnern, die gestorben sind.
Unsere Kirche hat damals und noch lange nach Corona um 19:30 Uhr die Glocken geläutet, um an die Menschen zu erinnern, die gestorben sind, und allen anderen zu signalisieren, dass sie nicht vergessen sind, auch wenn sie allein zuhause sitzen. Und wir haben Kerzen der Solidarität ins Fenster gestellt.
Die Reaktionen der Menschen – gemischt
Es gab Menschen, die sind damals im April 2020 vor das Bundesverfassungsgericht gezogen, um zumindest Ostergottesdienste zu ermöglichen. Doch das Gericht sah darin eine zu große Gefahr der Ansteckung. Die Richter sprachen allerdings auch von einem „überaus schwerwiegenden Eingriff in die Glaubensfreiheit“.
Es hat Menschen gegeben, die wegen der Entscheidungen der Kirche in Bezug auf Corona aus der Kirche ausgetreten sind. Da gab es viele Diskussionen. Andere sind dagegen neu zur Kirche hinzugekommen, zum Beispiel über die oben erwähnten Onlineangebote. Viele Menschen haben während der Corona-Zeit neu über den Glauben und den Sinn des Lebens nachgedacht.
Diskussionen und Kirchenaustritte blieben nicht aus
Ich persönlich habe gemerkt: Nie haben wir im Kirchenvorstand so viel und mit so unterschiedlichen Meinungen über ein Thema diskutiert wie damals bei den Corona-Maßnahmen. Ein wesentlicher Gesichtspunkt war die Verantwortung, die wir gegenüber den Menschen haben, ihre Gesundheit und ihr Leben nicht zu gefährden. Demgegenüber standen der Wunsch und der Auftrag, den geistlichen und seelischen Bedürfnissen und Nöten der Menschen zu begegnen und ihnen zu helfen.
Das Gute in unserem Kirchenvorstand war, dass es immer sachlich geblieben ist und sich alle einig waren:
Wir wollen alle das Beste für die Menschen und wir ringen um einen gemeinsamen Weg und werden womöglich auf die eine oder andere Weise aneinander schuldig.
Fakt ist aber auch, dass sich manche Gemeinden von der Corona-Zeit nicht wieder erholt haben, weil Menschen sich gedacht haben: Warum am Sonntagmorgen aufstehen, wenn ich einen Gottesdienst auch später online abrufen kann.
Als Gemeinde haben auch wir das bei den Weihnachtsgottesdiensten gemerkt. War 2019 die Kirche überfüllt, bleiben auch heute noch zu Weihnachten Plätze leer.
Viele Menschen haben auch generell den Nutzen der Kirche für sich überprüft und festgestellt, dass sie die Kirche so sehr dann doch nicht brauchen. Man kann das an Zahlen ablesen. Im Jahr 2019 – also vor Corona – sind rund 267 000 Menschen aus der evangelischen Kirche in Deutschland ausgetreten. 2022 waren es über 380 000.
Der Blick zurück ist selbstkritisch
Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte Ende April 2020 im Bundestag vorausschauend einen Satz, der rückblickend vollumfänglich stimmt: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ So ist es gekommen.
Auch in den Kirchen wurde inzwischen viel hinterfragt, was die eigene Haltung und Vorgehensweisen betrifft. Damals, in der Corona-Pandemie, folgte man im Grunde geschlossen der Linie der Bundesregierung. Mehr oder weniger unkritisch.
Ein Pfarrer meiner Gemeinde sagte mir erst kürzlich, als wir uns darüber unterhielten, wie das damals beim Corona-Lockdown war: Er würde verschiedene Dinge definitiv anders machen. Und sich auch gegen Vorschriften von oben widersetzen. Zum Beispiel beim Besuch von Menschen, die im Sterben liegen, oder von einsamen und alten Menschen.
Auch das Thema Beerdigungen muss angesprochen werden. Wie oft wurden trauernde Menschen hier allein gelassen in ihrer Not! Ideen gibt es inzwischen viele, was man anders machen könnte, sollte es noch einmal zu einer Pandemie kommen. Etwa, persönliche Seelsorge auch über das Telefon anzubieten oder Kirchen immer für das offen zu lassen – was im Übrigen in Gemeinden teilweise so praktiziert wurde.
Ein Fazit
Mein Eindruck: Aus heutiger Sicht würde man von Seiten der Kirche viele Dinge anders bewerten und anders handeln. Auch, wenn man natürlich nie sicher sagen kann, wie die Dinge vor fünf Jahren gelaufen wären, wenn man sich anders entschieden hätte.
Die evangelische Landeskirche in Bayern hat jetzt – fünf Jahre nach der Pandemie – eine Umfrage gestartet. Auf der Internetseite der Kirche können Menschen ihre Erfahrungen mit der Kirche in der Corona-Pandemie beschreiben. Das ist sehr offen formuliert.
Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Eines steht fest: Die Aufarbeitung der Corona-Zeit in den Kirchen ist noch nicht vorbei. Zum Teil fängt sie jetzt erst an.
Horst Kretschi
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Quelle: Als Kirchen geschlossen wurden