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„Das ist ja voll toxisch!“ Vielleicht hast du diesen Satz auch schon gehört oder gar selbst schon einmal gesagt. In den letzten Jahren hat das Thema „toxische Beziehungen“ an Aufmerksamkeit gewonnen. Auch wir haben hierzu einige Inhalte im Repertoire. Vielleicht hast du sie bereits entdeckt.
Doch eine Frage, die ich mir selbst immer wieder stelle, bleibt bei diesem Thema oft ungeklärt – und zwar: Warum haben so wenig Menschen den Mut, eine toxische Beziehung zu beenden? Und ergänzend dazu: Warum fällt es vielen überhaupt so schwer, zu erkennen, wenn eine Beziehung toxisch ist oder in diese Richtung ausschwenkt?
Hilfreiche Ansätze habe ich in dem Buch „Damit sich der Nebel lichtet: Toxische Beziehungsmuster hinter frommen Fassaden erkennen und heil werden“ von Saraj Stutz gefunden. Sie ist christlich psychologische Beraterin mit Fokus auf Traumata und toxische Beziehungen. Ihr Buch schildert sehr anschaulich, wie manipulative Persönlichkeiten agieren und warum sie oft so schwer zu enttarnen sind.
In einer Themenreihe greife ich wichtige Aspekte aus ihrem Buch kurz auf. Dies soll Betroffenen und Interessierten helfen, das Thema besser zu verstehen.
Toxische Beziehungen sind nicht „immer“ toxisch
Ein ganz wichtiger Punkt, der für das Verständnis toxischer Beziehungen wichtig ist, ist folgender: Eine toxische Beziehung ist nicht „immer“ toxisch. Oder besser gesagt: Sie fühlt sich für Betroffene nicht immer toxisch an. Wie es auch in anderen Beziehungen mal besser und mal schlechter läuft, gibt es auch in einer toxischen Beziehung Phasen, in denen sie sich vordergründig gut anfühlt.
Das macht es für Betroffene so schwer, Probleme anzusprechen und nötigenfalls auch einen Schlussstrich zu ziehen.
Doch anders als in normalen Beziehungen laufen toxische oder manipulative Beziehungen immer nach einem festen Muster ab. Scheinbaren Hochphasen folgen Phasen massiver Verunsicherung bis hin zur Eskalation. Diesen Kreislauf zu stoppen ist nicht möglich, Interventionsmaßnahmen laufen ins Leere oder verschlimmern die Situation sogar.
Oft ist den Manipulierten nämlich nicht bewusst, dass die Beziehung einem toxischen Kreislauf aus fünf wechselnden Stimmungen folgt. Statt diesen Kreislauf zu durchbrechen, tragen sie mit ihren Rettungsversuchen der Beziehung unbewusst dazu bei, ihn am Laufen halten. Die Folge: Wirklich sicher fühlen sich Betroffene in der Beziehung nie.
Der Kreislauf toxischer Beziehungen
Doch wie sieht dieser wiederkehrende Kreislauf toxischer Beziehungen aus? Saraj Stutz spricht hier von fünf Stimmungen, die sich in einer toxischen Beziehung abwechseln. Schauen wir sie uns gemeinsam an:
1. Stimmung: Im Scheinwerferlicht
„Kamera läuft!“ So heißt es beim Film, wenn der Dreh losgeht. Tatsächlich fühlen sich viele Betroffene einer toxischen Beziehung oft wie im Rampenlicht, denn manipulativen Persönlichkeiten ist ihre Wirkung nach außen oft sehr wichtig. Dazu zählen für den Manipulator nicht nur er selbst, sondern alle, die zu seinem Kreis gehören. Ob Kindern, Eltern oder Partner – sobald man sich in der Öffentlichkeit zeigt, geht es darum: Wie wirken wir auf andere?
Gerade auf Kinder kann dies massiven Druck ausüben. Selbst wenn sie von ihren emotionalen und kognitiven Fähigkeiten noch nicht benennen können, was nicht stimmt, spüren sie, dass sie nicht sie selbst sein können und nicht um ihrer selbst geliebt und wertgeschätzt werden.
Diese Stimmung kann verschieden ausgeprägt sein: Es kann sein, dass die manipulative Person selbst das Rampenlicht sucht und darin Bestätigung von allen anderen Familien- oder Gruppenmitgliedern einfordert. Es kann aber auch sein, dass die ganze Gruppe oder einzelne andere Mitglieder nach vorne gerückt werden und „performen“ müssen.
Eins ist aber immer zu beobachten: Eine normale Integration in Gruppen außerhalb der manipulativen Beziehung ist kaum möglich.
Denn der Umgang mit anderen ist von Darstellungszwang und Unsicherheit geprägt. Das zeigt sich vor allem dann, wenn sich jemand im Scheinwerferlicht nicht so benimmt, wie es der Manipulator wünscht.
2. Stimmung: Die Stimmung kippt …
Stand man eben noch gefühlt auf einer großen Bühne, wo man ein Schaustück à la perfekte Ehe, perfektes Team oder perfekte Familie gab, ist damit abrupt Schluss, sobald der öffentliche Raum verlassen wird. Oft binnen Minuten kippt die Stimmung.
Dies kann verschiedentlich aussehen und sich in unterschwelliger Spannung, in Hektik, übler Nachrede oder auch nur in beleidigten Gesichtsausdrücken äußern.
In jedem Fall wird jetzt klar: Die heile Welt aus Stimmung 1 war nur gespielt. Jetzt – hinter verschlossenen Türen – herrscht ein anderer Alltag. Dieser zeigt sich in Stimmung 3.
3. Stimmung: Entladung – psychische Vernichtung
Wie bei einem Gewitter, das sich an einem warmen Sonnentag langsam aufbaut, dann aber doch plötzlich und heftig niedergeht, folgt in einer toxischen Beziehung auf die Stimmungen 1 und 2 eine Entladung.
Je nach Persönlichkeit der manipulativen Person kann diese verschieden aussehen und äußert sich nicht immer in offenen Angriffen oder Streit. Aber – und dazu passt die zweite Bezeichnung, die Saraj Stutz dieser Stimmung gibt – die Entladung greift immer auf einer tiefgreifenden Ebene die andere Person an.
Ob durch beleidigtes Schmollen, offene Anklagen oder unterschwellige Vorwürfe, der Manipulator verunsichert jetzt andere Personen in der Beziehung in ihrem Selbstwert und Selbstbewusstsein.
Dabei gilt: Nicht der Manipulator selbst ist schuld an dem extremen Stimmungswechsel, sondern die jeweils andere Person. Damit geht es direkt in die nächste Stimmung über.
4. Stimmung: Es liegt an dir
Ein Grund, warum sich Menschen so selten Hilfe von außen suchen, ist das Narrativ, das ihnen in der manipulativen Beziehung immer wieder vermittelt wird: „Es liegt an dir!“ Und wer will schon freiwillig vor anderen zugeben, dass die eigene Ehe oder die schlechte Beziehung zu den Eltern nicht gelingt, weil man selbst so „unfähig“ ist? Niemand.
Folgend auf die Entladung wird dieses Narrativ in Stimmung 4 nun zementiert – wieder und wieder. Nachdem der Manipulator in Stimmung 3 seinem Ärger Luft gemacht hat, fordert er nun Wiedergutmachung – und zwar von jemand anderem aus dem Beziehungsgeflecht. Dies kann immer dieselbe Person sein (gerade in Zweierbeziehungen) oder wechselnd eine Person aus dem Beziehungsgeflecht.
In Beziehungen, wo Personen sprachlich oder körperlich ausfällig werden, fällt hier oft der Satz, dass der andere einen ja so provoziert habe, dass man habe herumschreien oder sogar zuschlagen müssen.
Diese Täter-Opfer-Umkehr funktioniert deshalb, weil sich die manipulierte Person meist stark nach der Wiederherstellung der Beziehung sehnt und der falschen Darstellung des Manipulators in etlichen Fällen sogar glaubt.
So lässt sie sich immer wieder neu auf die Sündenbock-Rolle ein, eventuell selbst dann noch, wenn sie bereits begriffen hat, dass sie selbst an der problematischen Beziehungsstruktur keine Schuld trägt. Denn der Frieden und die Beziehung müssen ja gewahrt werden.
5. Stimmung: Der Tanz auf rohen Eiern
Sobald der Sündenbock Reue zeigt und Wiedergutmachung verspricht, ändert sich die Stimmung in der Beziehung erneut drastisch. Jetzt gibt sich der Manipulator oft jovial und sucht vielleicht besonders stark Nähe und Verbindung. Alles ist wieder in Butter, der letzte Konflikt vergessen, aber wehe, man will noch mal daran rühren!
Doch so sehr für den Manipulator alles vergeben und vergessen scheint, für die anderen Personen im Beziehungsgeflecht ist es das nicht. Bei diesen bleibt der dumpfe Nachgeschmack: Alles kann sich wieder ändern – und zwar quasi ohne Vorwarnung. Deshalb gleicht die Beziehung jetzt dem „Tanz auf rohen Eiern“, wie Saraj Stutz dies nennt.
Die manipulierte Person sieht in dieser Phase trotzdem meist keinen akuten Grund mehr, die Beziehung zu beenden oder Änderungen einzufordern, denn gerade ist ja alles rosig.
Vielleicht – so schleicht sich der Gedanke ein – hat man sich das alles nur eingebildet oder überempfindlich reagiert.
Gleichzeitig bleibt die Beziehung schwer erschüttert und die manipulierte Person fühlt sich nicht mehr sicher bei dem anderen. Erst recht nicht mehr, sobald der Kreislauf der fünf Stimmungen erneut beginnt.
Den Kreislauf stoppen, aber wie?
Was rät nun Saraj Stutz Menschen, die sich in einem derartigen Beziehungsgeflecht befinden? Zunächst einmal der eigenen Wahrnehmung wieder mehr zu vertrauen und sich diese fünf Stimmungswechsel bewusstzumachen. Wenn man sich nicht nur wie in einem Kreislauf gefangen fühlt, sondern klar benennen kann, nach welchem Schema die Stimmungen des anderen wechseln, hilft dies oft schon zur Einordnung der eigenen Situation.
Dadurch allein heilt eine toxische Beziehung jedoch nicht. Saraj Stutz macht in ihrem Buch deutlich, dass sich trotz vieler Ähnlichkeiten jede toxische Beziehung etwas anders darstellt und daher verschieden angegangen werden sollte. Sie gibt hilfreiche Tipps, wie man mit einzelnen Formen manipulativen Verhaltens umgehen kann. Dazu findest du auf unserer Webseite bald einen weiteren Artikel.
Gleichzeitig legt Stutz offen dar, dass in vielen manipulativen Beziehungsgeflechten der einzig gangbare Weg ein Beziehungsabbruch – zumindest auf Zeit – ist.
Der Wunsch der Betroffenen nach einer guten Beziehung kann sich laut Saraj Stutz nur erfüllen, wenn diese lernen, toxisches Verhalten nicht mehr zu dulden, sondern sich dagegen zu wehren.
Wie das gelingen kann, dazu gibt sie in ihrem Buch und auch in einem Interview im ERF Jess Talkwerk hilfreiche Tipps und Impulse.
Hat dich dieses Thema angesprochen? Welche Fragen bewegen dich im Kontext toxischer Beziehungsstrukturen? Schreibe sie uns in den Kommentaren! Vielleicht können wir sie in einem der nächsten Artikel aufgreifen.
Rebecca Schneebeli
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Quelle: Kreislauf aus Druck und Angst