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Mein Vater lebt seit drei Jahren in einer Seniorenresidenz. Er konnte nicht mehr allein in seinem Haus ohne Unterstützung bleiben. Wie dankbar waren wir als Familie, dass genau zu diesem Zeitpunkt ein Zimmer im betreuten Wohnen frei wurde. Für ihn war es nicht leicht, seine vertraute Umgebung zu verlassen, doch meine Schwester und ich wohnen zu weit entfernt, um ihn zu versorgen.
Manchmal steht er am Fenster und schaut auf das Haus nebenan. Sein eigenes Haus! Wie gern würde er dort noch wohnen, doch er kommt die Treppe nicht mehr hoch. Und so ist er tapfer und versucht, sich die Traurigkeit nicht anmerken zu lassen.
Meine Schwester und ich sind ein gut eingespieltes Team. Wir haben die Aufgaben, die sich ergeben, entsprechend unseren Stärken aufgeteilt. Jedes Wochenende ist eine von uns bei ihm und kümmert sich um die vielen kleinen und großen Dinge, die erledigt werden müssen. Einfach, weil unser Vater es nicht mehr kann.
Ich erinnere mich, dass es am Anfang noch drunter und drüber ging, weil wir mit der neuen Situation komplett überfordert waren. Seitdem konzentriert sich in unser beider Leben fast alles auf unseren Vater.
Unverständliche Geschichten und neue Worte
Zu meiner 14-tägigen Routine gehört es, etwas Leckers zum Abendessen für meinen Vater und mich zu besorgen. Wir genießen es, nach einem schönen gemeinsamen Nachmittag noch zusammenzusitzen und uns über Gott und die Welt zu unterhalten, bevor es wieder heißt, Abschied zu nehmen.
In letzter Zeit erzählt mein Vater von Dingen, die mir irgendwie fremd vorkommen. Er sieht Gestalten in seinem Zimmer, die andere nicht sehen; ich auch nicht. Es scheint ihm aber keine Angst zu machen, wie ich herausfinde. Dann erzählt er mir, dass er durch einen Tunnel nach Schreufa, einen Nachbarort, gefahren sei. Mir ist allerdings klar, dass er das Pflegeheim nicht verlassen hat. Daher kann das nicht sein.
Da er aufgrund seiner Anämie viel schläft, erkläre ich es mir zunächst damit, dass er das wohl geträumt hat. Schließlich finde ich jedoch heraus, dass ihm Worte verloren gehen und er einfach Alternativworte verwendet. „Schreufa“ ist für ihn der Speisesaal und „der Tunnel“ der Aufzugschacht. „Rollator“ wird ersetzt durch „Auto“. Warum auch nicht. Hat ja auch vier Räder! Mein Vater entwickelt auf einmal eine ganz eigene Sprache – meine Aufgabe als Tochter besteht nun darin, diese Sprache zu verstehen.
Wer ist dieser Mensch?
Doch das, was ich heute meine, als Lösung entdeckt zu haben, hat morgen schon keine Bedeutung mehr!
Ich bin gerade an der Arbeit, da ruft die Pflegedienstleitung an. Mein Vater hätte in der Nacht sein Zimmer verlassen und sei in die Zimmer von Mitpatienten gegangen, die sich bei seinem Anblick fast zu Tode erschreckt hätten. Als ich ihn am nächsten Tag darauf anspreche, erinnert er sich an nichts.
Samstagmorgen, 8:30 Uhr: Mein Telefon klingelt. Schwester Angela vom Pflegedienst ist dran. Sie erzählt mir, dass das Zimmer meines Vaters in einem katastrophalen Zustand war, als sie zur allmorgendlichen Pflege hineinkam. Und mein Vater lag nicht im Bett, sondern auf dem Boden. Als ich ihn später darauf anspreche, weiß er wieder nicht, wovon ich rede.
Alles scheint verloren zu gehen
Nun ist mein Vater seit 3 Monaten in Vollzeitpflege, weil er rund um die Uhr betreut werden muss. Wenn er etwas erzählt, ist es völlig ohne Zusammenhang und oft weiß ich überhaupt nicht mehr, wovon er redet. Aber solange er dabei fröhlich ist, soll es mir genügen.
Ich richte mich nach einem weisen Rat: „Der Demente hat immer Recht“. Es macht überhaupt keinen Sinn, einen Menschen mit Demenz zu korrigieren, denn in seiner Welt ist das, was er erzählt, Realität. Nur nicht in meiner! Aber was macht das schon?
Mittlerweile fahre ich jedes Wochenende zu meinem Vater. Ich merke, wie sehr er uns als Familie braucht. Wenn er in seinem Fernsehsessel dasitzt, erschrecke ich manchmal, wie wenig von dem einst so gestandenen Mann übriggeblieben ist. Er wirkt wie ein schmales, in sich gekauertes Männlein, das mir fast wie ein hilfsbedürftiges Kind vorkommt. Irgendwie scheint allmählich alles verloren zu gehen. Alles bis auf eins.
Der Glaube bleibt unangefochten
Wenn ich meinem Vater aus der Bibel vorlese und mit ihm bete, dann ist er auf einmal ganz klar in seinem Verstand und sein Glaube an Jesus scheint unangefochten gegen jegliche Demenz. Lese ich ihm zum Beispiel Psalm 23 vor und wir beten danach, drückt er mit erstaunlicher Klarheit aus, wie geborgen und getröstet er bei seinem „guten Hirten“ ist.
Wenn ich anfange „Großer Gott, wir loben dich“ zu singen, stimmt er mit seiner Bass-Stimme ein, so wie er es immer gewohnt war im Chor. Voller Inbrunst singt er dann eine Strophe nach der anderen mit und es scheint, als ob für diesen kurzen Augenblick die Demenz nicht existiert.
Im nächsten Moment, wenn wir uns über alles Mögliche unterhalten, ist nichts mehr da von dieser Klarheit. Dann befindet er sich wieder im Land des Vergessens.
Gute Aussichten trotz Demenz
Manchmal sitze ich zu Hause und könnte verzweifeln, weil ich meinem Vater so wenig helfen kann und er selbst darunter leidet, dass er zu fast nichts mehr in der Lage ist. Aber dann erinnere ich mich immer wieder an Psalm 23 – und daran, dass auch Jesus sich im Neuen Testament, zum Beispiel in Johannes 10,1-30, als „guter Hirte“ bezeichnet.
Ich weiß, dass er sich besser um meinen Vater kümmert, als ich es mir je vorstellen kann, ja, dass er mitten in der Demenz bei ihm ist. Und in der Begegnung mit meinem Vater erlebe ich es auch, dass er sich bei Gott weiterhin geborgen weiß.
In aller Verzweiflung und Hilflosigkeit tröstet mich, dass das Leiden meines Vaters einmal ein Ende haben wird. Dann wird er endlich bei seinem Gott im Himmel sein – dort, wo es keine Krankheit und kein Sterben mehr gibt. Das macht mir an jedem neuen Tag Mut, die Krankheit meines Vaters weiterhin mitzutragen.
Ruth Schneider
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Quelle: Willkommen im Land des Vergessens