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Gott im Kopf

erstellt am 25.03.2022 00:00:00


Wie ist Gott? Seit Urzeiten setzen sich Menschen mit dieser Frage auseinander. Natürlich finden sie damals wie heute unterschiedliche Antworten. Je nach dem, welche den Zuschlag erhält, entsteht eine entsprechende Vorstellung von Gott. Mein individuelles Gottesbild, das fortan mein Denken und Handeln mehr oder weniger bestimmt.

Einige dieser Gottesbilder sind zu gern bemühten Klassikern herangereift: Die Vorstellung, Gott sei ein randdebiler Greis, der schlecht hört und im schnelllebigen 21. Jahrhundert nicht mehr so recht mitkommt. Oder der sadistisch angehauchte Perverse, der gerne die bestraft, die sich ihm widersetzen. Ganz weit vorne ist auch der große Phlegmatiker, dem Menschenleben egal sind und den das Leid auf Erden nicht besonders juckt.
 

Ist Gott taub?

Gottesbilder dieser Art haben mehrere Haken. Zum einen sind sie stark von Erfahrungen geprägt. Meist von den schlechten. Bete ich und es passiert nichts, muss Gott unfähig oder taub sein, vielleicht auch bewusst auf Durchzug stellen. Widerfährt mir ohne eigenes Verschulden Leid, hat Gott es nicht verhindert und scheint auch noch Spaß daran zu haben. Greift er nicht ein, scheint’s ihm mal wieder einerlei oder zu nebensächlich, um auch nur einen seiner so mächtigen Gedanken daran zu verschwenden. Das Problem: Meine Erfahrungen können manchmal wenig bis gar nichts mit dem zu tun haben, wie Gott ist. Mein Gottesbild führt mich hinters Licht.

Meine Erfahrungen können manchmal wenig bis gar nichts mit dem zu tun haben, wie Gott ist. Mein Gottesbild führt mich hinters Licht.

 

Zum anderen können Gottesbilder sich massiv auf meinen Glauben auswirken. Falsche Gottesbilder blockieren meine Beziehung zu Gott und lassen meinen Glauben zur Qual werden. Sie können dazu führen, dass ich mich völlig verschließe – selbst wenn Gott sich mir annähert und sich mir zuwendet. Ich sehe überhaupt nicht mehr, was Gott Gutes tut, weil ich so sehr auf das Negative fixiert bin. Sie sind somit ein Haupthindernis für einen lebendigen und frohen Glauben, können ihn gar ganz verhindern. Oder zu einem Glauben führen, der krank macht.
 

Ohne Vorstellung keine Beziehung

Auch vor Christen machen Gottesbilder nicht halt. Christen erleben, dass Gott auf Gebete allem Anschein nach nicht antwortet. Christen empfinden Gott bisweilen als Spaßverderber. Christen bleiben vor Leid nicht verschont. Diese Erfahrungen beeinflussen das persönliche Bild von Gott, ob man nun will oder nicht.

Dabei ist gegen ein Gottesbild erst einmal gar nichts einzuwenden. Irgendwie müssen wir uns Gott ja vorstellen. Ist er gut und geduldig? Oder ist er böse und leicht reizbar? Wie soll ich wissen, was er gut heißt, wenn ich nicht weiß, wie er ist? Wollen wir mit ihm in Kontakt treten, müssen wir uns Gott vorstellen. Ohne konkrete Vorstellung keine Beziehung. Selbst wenn ich es also gut mit Gott meine und mich wirklich auf ihn einlassen will, brauche ich eine Vorstellung, wie er ist.

Selbst wenn ich es also gut mit Gott meine und mich wirklich auf ihn einlassen will, brauche ich eine Vorstellung, wie er ist.

 

Gott hat einen Rücken

Darüber hinaus ist die ganze Bibel voller Bilder vom Allmächtigen. Die Autoren der Bibel vergleichen ihn mit einer Burg und mit dem Feuer. Er ist Vater, Hirte und Baumeister, fängt den Wind in seinen Fäusten, riecht wohlriechende Düfte mit seiner Nase, hat Arme, Ohren, Augen und einen Rücken – allesamt sehr menschliche, geradezu sinnliche Bilder. Es scheint, als brauchen wir Bilder, um überhaupt über Gott reden zu können.

Trotz dieser Flut an Bildern verbietet die Bibel, uns überhaupt eine Vorstellung von Gott zu machen. „Du sollst dir kein Gottesbild anfertigen“, übersetzen die Herausgeber der Gute Nachricht Bibel 2. Mose 20, 4. Sicher, diese Passage hat in erster Linie die aus Stein gehauenen, in Metall gegossenen und aus Holz geschnitzten Götzenbilder der damaligen Umwelt im Blick: Baal, Aschera, Moloch, Astarte, Milkom, Kemosch und so fort, denen in Tempeln und auf Kulthöhen gehuldigt wurde (vgl. 3. Mose 19, 4).
 

Wir brauchen sinnliche Vorstellungen

Dennoch führen uns die biblischen Autoren in einen Widerspruch: Einerseits ist die ganze Bibel voller Bilder über Gott. Auch Jesus ist alles andere als zurückhaltend, wenn er seinen Jüngern das Wesen Gottes und sein Reich vor Augen malt. Als Menschen brauchen wir sinnliche Vorstellungen. Gerade weil Gott nicht fassbar ist, teilt er sich uns in Bildern mit, so Dorothee Sölle.

Andererseits sollen wir uns keine Bilder von Gott machen. Weder aus Stein und Holz, noch in unserem Kopf. Denn jedes Bild birgt die Gefahr, Gott auf ein menschliches Maß festzulegen. Wer Gott in ein Bild presst, will seiner habhaft werden, ihn in eine beherrschbare Schublade pressen, ihn für die eigene Zwecke zu nutzen, ihn berechenbar machen.

Wer Gott in ein Bild presst, will seiner habhaft werden, ihn in eine beherrschbare Schublade pressen, ihn für die eigene Zwecke zu nutzen, ihn berechenbar machen.

 

Wenn nötig ausmisten

Eine einfache Lösung des Dilemmas ist nicht in Sicht. Die reformierte Kirche hat zwar einen Ausweg darin gesehen, alle Bilder aus den Kirchen zu verbannen – was sich aber als unzulängliches Mittel erwiesen hat. Ein goldenes Kalb und ein meisterlich bemalter Altar sind leichter zu zerstören als die Gottesbilder in unseren Köpfen.

Bleibt die unbequeme Option, sich offensiv mit den Bildern auseinanderzusetzen, die sich in meinem Kopf festgesetzt haben. Sie zu hinterfragen und wenn nötig auszumisten. Offen dafür zu sein, dass Gott sich so zeigt, wie er ist und sich von ihm überraschen lassen – gerade wenn ich ihn mir schon fein säuberlich zurecht gelegt habe.

Joachim Bär


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Quelle: Gott im Kopf

von youthweb

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